Hero:ine of the Month: Mireille Ngosso
/in Blog /by Marta Suzama
© Portrait von Minitta Kandlbauer: Mireille Ngosso
Zwischen Stethoskop und Widerstand
Hände hoch: Wer von uns hat schon mal versucht, gleichzeitig das Gesundheitssystem zu revolutionieren, Rassismus den Kampf anzusagen und nebenbei die politische Landschaft umzukrempeln? Eben. Und genau deshalb brauchen wir eine wie Mireille Ngosso. Mireille ist mehr als „nur“ Allgemeinmedizinerin. Als Expertin für Gender und Diversitätssensible Medizin sorgt sie dafür, dass unser Gesundheitssystem endlich kapiert, dass nicht jeder Körper gleich funktioniert. Wenn sie nicht gerade Leben rettet, ist sie als Black Lives Matter-Aktivistin und Autorin an vorderster Front zu finden. Als erste afro-österreichische Frau im Wiener Landtag hat sie Geschichte geschrieben und gezeigt, dass man das System von innen heraus aufmischen kann.
1980 im Kongo geboren, kam sie mit nur drei Jahren als Flüchtlingskind nach Wien. Die erste Zeit im Lager Traiskirchen, dann die Enge einer Welt, in der Schnee wie etwas Gefährliches wirkte und die Eltern aus Angst vor Ablehnung predigten: „Duck dich, fall bloß nicht auf.“ Mireille wuchs in einem Spannungsfeld auf – zu Hause wurde über den Widerstand des Vaters gegen den Diktator Mobutu politisiert, während sie in der Schule gegen das Gefühl ankämpfte, als „die Andere“ ständig unter Beobachtung zu stehen.
Die Schule war für sie kein Ort der Förderung, sondern ein Hürdenlauf. Lehrer:innen trauten ihr nichts zu; eine sagte ihr sogar ins Gesicht: „Aus dir wird eh nichts.“ Mit 16 bricht sie die Schule ab, arbeitet, aber der Hunger auf mehr bleibt.
„Gerade weil so viele Menschen an mir gezweifelt haben, wollte ich es umso mehr schaffen.“
Die erste österreichische Stimme im Kampf gegen Gewichtsdiskriminierung
Mireille beißt sich durch. Sie macht die Matura am Abendgymnasium nach, während sie tagsüber arbeitet. Sie studiert Medizin – als eine der wenigen Schwarzen Frauen in einem System, das den weißen, männlichen Körper als die einzige Norm ansieht. Heute ist sie Ärztin und Spezialistin für Frauen- und Gendermedizin. Sie weiß: Wenn Krankheiten auf Schwarzer Haut in Lehrbüchern nicht vorkommen, kann das lebensgefährlich sein.
„Wir brauchen dringend eine Medizin, die koloniale Geschichte aufarbeitet und Vielfalt endlich ernst nimmt.“
Lange Zeit ist die Politik ihr Ventil, um gegen diese strukturellen Ungerechtigkeiten laut zu werden. 2010 tritt sie der SPÖ bei, später wird sie stellvertretende Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt und schließlich Landtagsabgeordnete. Sie kämpft gegen horrende Mieten, für mehr Kassenärztinnen und gegen den tief sitzenden Rassismus in der Gesellschaft. 2020 steht sie am Omofuma-Platz, organisiert die gigantische „Black Lives Matter“-Demo in Wien mit 50.000 Menschen und spürt: Da ist Hoffnung auf echte Veränderung.
„Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“
Kampf für echte Gesundheitsgerechtigkeit
Ihre Arbeit ist wie sie selbst: mutig, empathisch, unbequem und voller Integrität. Besonders spannend: Mireille hat den klassischen Parteipolitik-Zirkus bewusst hinter sich gelassen, um ihre Stimme noch freier, lauter und wirksamer einzusetzen. Ihre Motivation ist so klar wie dringlich: Sie hat die systemischen Lücken im Gesundheitswesen nicht mehr nur diagnostiziert, sondern beschlossen, sie selbst zu schließen. Aus diesem Drang nach echter Veränderung heraus gründete sie gemeinsam mit weiteren vier Wissenschaftlerinnen 2025 MedInUnity. Mit dem Verein konzentriert sie sich jetzt voll darauf, die Medizin endlich gerechter und diverser zu machen – weg von theoretischen Debatten, hin zu einer Praxis, die niemanden zurücklässt.
„Gesundheit ist ein Menschenrecht – doch in der medizinischen Versorgung gibt es bis heute strukturelle Ungleichheiten. Frauen*, Schwarze Menschen, People of Color (PoC) sowie queere und marginalisierte Gruppen erleben häufig Fehldiagnosen, unzureichende Therapieangebote oder werden in der medizinischen Forschung und Praxis schlichtweg nicht ausreichend mitgedacht. Noch immer basieren viele medizinische Standards auf männlichen und weißen Körpern, während die spezifischen Bedürfnisse von Frauen* oder Menschen mit unterschiedlichem ethnischen und kulturellen Hintergrund nicht ausreichend erforscht oder berücksichtigt werden. Genau hier setze ich mich mit voller Überzeugung ein – für eine Medizin, die alle Menschen mitdenkt. Denn Gesundheit darf nicht von Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft abhängen.“
Mireille ist eine Frau, die ständig Brücken baut. Ob als Autorin („Für alle, die hier sind“), als Mutter oder als Ärztin – sie nutzt ihre eigene Geschichte, um Räume für andere zu öffnen. Sie weiß, wie sich Hass im Netz anfühlt, aber sie lässt sich nicht mundtot machen. Wenn es ihr zu viel wird, zieht sie sich ans Klavier zurück, tankt Kraft bei der Musik und in der Natur, um dann wieder laut zu sein.
Trotz strukturellem Rassismus und ständigem Gegenwind bewahrt sie sich eine radikale Empathie und zeigt uns, dass Machtverzicht ein Gewinn an Freiheit sein kann. Für Mireille ist Intersektionalität keine Floskel, sondern eine medizinische Notwendigkeit. Sie erinnert uns leidenschaftlich daran, dass wir die kolonialen Altlasten der Wissenschaft aufarbeiten müssen, damit das System wirklich für alle Körper da ist. Mireille Ngosso legt den Finger in die Wunde – und genau das macht sie zur unverzichtbaren Identifikationsfigur für alle, die verkrustete Strukturen nicht mehr hinnehmen wollen.
Mireille Ngosso ist keine Frau, die um Erlaubnis fragt – sie nimmt sich ihren Platz am Tisch und agiert mit bewundernswertem Mut als Insiderin und lauteste Kritikerin der Institution Medizin, um den lebensgefährlichen „Medical Gap“ endlich zu schließen.
Sie ist eine Inspiration, Vorbild und starke Stimme und unsere Heo:ine of Black History Month!
geschrieben von Marta Suzama
Quellen und Informationen:
© Foto: Minitta Kandlbauer
© Foto: Suna Films
Mireille Ngosso – Instagram
Ö1 Radiokelleg – Gendermedizin – Mythen, Macht und Meilensteine
Tupodcast – Medizin, Politik und Aktivismus mit Mireille Ngosso
Podcast HALLE FÜR KUNST Steiermark – Österreichische Kolonialgeschichte mit Mireille Ngosso
Funk Tank – Interview Mireille Ngosso über Gendermedizin, Rassismus und Mut
Mireille Ngosso – LinkedIn
Beitrag Springermedizin – Eine einseitige Ausbildung kann zu Behandlungsfehlern führen
Podcast Fremde werden Freunde – Salongespräche: Schwarz und Frau sein in der Politik mit Mireille Ngosso
Podcast Alles Stabil – Mental Health und Machtverhältnisse
Buch – Für alle, die hier sind , Kremayr & Scheriau 2022


