Männer in Machtpositionen
/in Blog /by The SororityLesedauer: ca. 5 Minuten
Männer in Machtpositionen – Von systematischer Machtausübung, emotionaler Manipulation und sexualisierter Grenzüberschreitung
Statistisch zeichnet ein Bericht der Arbeiterkammer aus dem Jahr 2020 ein trauriges Bild, wenn es um Sexismus am Arbeitspatz geht. Wenig überraschend sind vor allem Frauen betroffen, allen voran Frauen aus der BIPoC-Community, der LGBTQIA+ Community als auch Frauen mit Behinderungen.
„Sexismus ist ein Phänomen, mit dem (fast) ausschließlich Frauen konfrontiert sind. Nur 1% der Männer fühlte sich in den letzten drei Jahren explizit aufgrund des Geschlechts diskriminiert, aber 14% aller Frauen. Zweitens: Frauen erleben gegenüber Männern grundsätzlich häufiger Diskriminierungen. 46% aller Frauen fühlten sich in den letzten drei Jahren diskriminiert, um 6 Pp. mehr als Männer. Allerdings, drittens: Nicht alle Frauen erleben gleich häufig Diskriminierungen, und nicht alle Frauen führen die Diskriminierungen immer auf das Geschlecht zurück. Muslimische Frauen (81%) und Frauen mit einer nicht-weißen Hautfarbe oder einem Akzent (74%) geben wesentlich häufiger an, diskriminiert worden zu sein. Auch lesbische oder bisexuelle Frauen (72%) und Frauen mit einer körperlichen Behinderung (68%) machen häufiger Diskriminierungserfahrungen. Mädchen und Frauen zwischen 14 und 25 Jahren sind ebenfalls häufiger betroffen (61%), vor allem im Bildungsbereich. Zudem zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zur subjektiven Schichtzugehörigkeit. Je weiter unten in der Gesellschaft sich Frauen sehen, desto häufiger berichten sie auch von Diskriminierungen, je weiter oben, desto seltener.“ (AK, 2020, S.4)
Besonders deutlich zeigt sich das in der Art und Weise, wie Frauen ausgegrenzt und herabgewürdigt werden – sei es am Arbeitsplatz oder in der Schule. Dass viele Betroffene ihre Erfahrungen direkt mit ihrem Geschlecht in Verbindung bringen, ist mehr als nur ein subjektives Empfinden. Es verweist auf tief verwurzelte gesellschaftliche Strukturen, die Frauen bis heute benachteiligen.
Im Berufsleben schildern Frauen im Durchschnitt acht unterschiedliche Formen der Diskriminierung, im Bildungsbereich sogar neun. Was sie dabei erleben, ist oft subtil, aber keineswegs harmlos. An erster Stelle steht im Arbeitsumfeld: unsachliche Kritik – 64 Prozent der betroffenen Frauen berichten davon. Dicht gefolgt von Gerüchten, Lästereien und gezieltem Informationsentzug. Auch die Tatsache, dass viele Frauen bei gleicher Tätigkeit schlechter bezahlt werden, betrifft mehr als jede zweite. Hinzu kommen abfällige Bemerkungen, Spitznamen und unterschwellige Kommentare, die den Respekt untergraben. (AK, 2020, S. 5)
Im Bildungssystem sieht es kaum besser aus. Hier berichten 77 Prozent der betroffenen Frauen von unfairen Bewertungen. Rund drei Viertel haben sich durch Lehrerinnen oder Lehrer respektlos behandelt gefühlt. Auch hier tauchen wieder Gerüchte, Anspielungen und verletzende Kommentare auf – ergänzt durch das Gefühl, im Unterricht systematisch übergangen zu werden. (AK, 2020, S. 5)
Auch ich selbst habe meine Erfahrungen mit Sexismus gemacht, bereits als junges Mädchen und in verschiedensten Institutionen. Meine erste negative Erfahrung machte ich mit 13, als ich mit Leistungssport anfing, und die männlichen Trainer/Lehrer anfingen, eine, um es nett auszudrücken, unangenehme Umgangsform an den Tag zu legen. Mein damaliger Turnlehrer war auch einer meiner ersten Vereinssporttrainer, der anfangs einen netten Eindruck machte, allerdings sobald ich nicht das machte, was er wollte, anfing, persönlich und manipulativ zu werden. Mir wurden Schuldgefühle eingeredet, wenn ich nicht zum Schultraining, sondern zum Vereinstraining ging, „ich würde das Team zerstören, egoistisch sein, ihn und das Schulteam im Stich lassen“ – ich war erst dreizehn. Als ich dann anfing, zurückzureden, mich zu wehren, wurden zwei weitere männliche Trainer eingeschaltet, die mir dann erklärt haben, wie inakzeptabel mein Verhalten doch sei. Die Krönung des Ganzen war allerdings, als mein Turnlehrer/Trainer mir dann unterbreitete, mein Verhalten hätte ihn persönlich so getroffen, dass er schon überlegt hätte, mir einen Brief zu schreiben, um mir seine Gefühle mitzuteilen. Wenn ich diese Zeilen schreibe, frage ich mich, wieso es damals niemandem zumindest ein wenig seltsam vorgekommen ist, dass mir ein 40-jähriger Mann, mein Lehrer, einen persönlichen Brief über seine Gefühle mir gegenüber schreiben wollte. Ich war zu diesem Zeitpunkt erst 14!
Die Zeit im Verein hob das Ganze auf ein anderes Level – einer der Trainer grabschte uns regelmäßig an den Hintern, begrüßte die älteren Spielerinnen teilweise mit einem Bussi auf den Mund, hielt bei jedem Trainingslager im Speisesaal Reden darüber, dass wir beim Sex miteinander doch bitte verhüten sollen, mir wurde da persönlich zum Beispiel die Pille ans Herz gelegt – vor versammelter Mannschaft. Gegipfelt ist das Ganze dann in Body-Shaming-Deluxe, als wir Mädchen – damals zwischen 14-17 Jahren – voreinander und der Burschenmannschaft abgewogen und unser Gewicht laut vorgelesen wurde. Die Idee kam wieder von besagtem Trainer, der mich danach umarmte, währenddessen seine Hände auf meinem Hintern hatte, um mir dann ans Herz zu legen, doch bitte aufzupassen, dass mein Hintern nicht zu groß werde, alles unter dem Deckmantel eines besorgten Trainers, der sich um die Gesundheit seiner Spielerin bemühte. Damals war ich fünfzehn.
Was mich heute ärgert, ist, dass ich das Ganze damals nicht einmal seltsam fand. Weder die emotionale Manipulation, die Übergriffe, das Body-Shaming. Wieso auch? Keines der Mädchen beschwerte sich, die älteren lachten oft darüber und so dachte ich mir, dass das wohl einfach dazugehören würde.
Als ich dann in das Arbeitsleben eingeführt wurde, wurden die Übergriffe subtiler, verbaler. Im ersten Jahr meiner Lehrerkarriere wurde ich zwei Teamteaching-Kollegen zugewiesen, der eine anfangs sehr freundlich und offen, der andere von Anfang an ein Arschloch, anders kann man es nicht ausdrücken. Besagtes Arschloch fühlte sich anscheinend auf den Schlips getreten, dass ihm, Gott-Kupfer höchstpersönlich, eine junge Kollegin als gleichwertige Lehrkraft aufgezwungen wurde. Demnach quizzte er mich regelmäßig im Unterricht zu historischen Daten und Fakten, Autor:innennamen usw., sagte mir falsche Daten für die Vorbereitung meines Unterrichts, damit es so aussah, als wäre ich nicht vorbereitet und ließ auch sonst keine Schikanen aus – natürlich immer im Beisein der Schüler:innen. Das zweite Exemplar war ein anfangs äußerst netter Kollege, der mit der Zeit zu nett wurde. Meine Outfits wurden kommentiert, mein Aussehen, in stillen Arbeitsphasen wurden mir anzügliche Witze ins Ohr geflüstert und zur Weihnachtszeit gab‘s einen sicher gutgemeinten Tipp für ein Geschenk an meinen Freund: Ich solle mich doch einfach nackt in Geschenkpapier einwickeln und unter den Christbaum legen – erneut alles im Unterricht und vor den Schüler:innen.
Diese Erfahrungsberichte sind mehr als bloße Einzelfälle. Sie zeigen ein Muster, das sich durch viele Lebensbereiche zieht – und das nicht länger ignoriert werden darf. Denn Diskriminierung findet nicht nur Einzug in Arbeits- und Bildungsinstitutionen, auch heute noch ist die Lage in beispielsweise Sportvereinen prekär, zu oft nutzen Trainer ihre Machtposition aus, zu oft wird medial von Übergriffen berichtet, die jahrelang vonstattengingen. Startet man eine Google-Suche mit „Missbrauch von Sportlerinnen“, überschlagen sich die Schlagzeilen förmlich: „Missbrauchsprozess: Der Sporttrainer und die jungen Mädchen“ (derStandard), „Hamburger Cheerleading-Trainer soll jahrelang Mädchen missbraucht haben“ (NDR), „Schweizer Ski-Talente belästigt und beim Duschen beobachtet“ (Blick), „Urteil nach Missbrauch an Mädchen: Trainer schuldig gesprochen“ (mdr), sind nur die Spitze des Eisbergs.
Was mich heute wütend macht, ist nicht nur, was passiert ist – sondern, dass ich selbst dachte, das wäre normal. Dass Übergriffe, Grenzverletzungen, Machtdemonstrationen einfach dazugehören, wenn man als Mädchen Sport macht, zur Schule geht oder später im Job steht. Dass man sich lieber anpasst, ruhig bleibt, mitlacht – weil es sonst nur noch unangenehmer wird.
Aber es war nicht normal. Es war falsch. Und es ist immer noch falsch – auch wenn es sich gut tarnt, auch wenn es im „Scherz“ gesagt wird, auch wenn es alle weglächeln. Gerade deshalb ist es wichtig, das auszusprechen. Nicht, weil ich eine Erklärung oder Entschuldigung brauche – sondern weil es vielen so geht. Und weil sich nichts ändern wird, solange wir weiter so tun, als wäre das alles bloß Einbildung, Überempfindlichkeit oder „nicht so gemeint“ gewesen.
Es war so gemeint. Und es war nicht in Ordnung. Punkt. Was braucht es also? Aufklärung und Kontrollorgane! Zu Hause, in der Schule, medial, in der Öffentlichkeit! Es muss klar kommuniziert werden, was in Ordnung und was nicht in Ordnung ist. Was mir damals widerfahren ist, war kein Einzelfall. Es war auch kein bedauerlicher Ausrutscher oder ein „Missverständnis“. Es war systematische Machtausübung, emotionale Manipulation und sexualisierte Grenzüberschreitung – ermöglicht durch Strukturen, die Männer in Machtpositionen schützen und Mädchen und junge Frauen zum Schweigen bringen.
Weitere Quellen und Materialien:
Diskriminierungserfahrungen von Frauen in Österreich. Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien. Daniel Schönherr. 2020.
Sonderauswertung der Studie
„Diskriminierungserfahrungen in Österreich“

Vero Romero
