Hero:ine of the Month: Bobby Herrmann-Thurner

 

Who´s that Girl? 

Jedes Jahr aufs Neue sind wir von denselben Vorsätzen umgeben: „Dieses Mal wirklich abnehmen, endlich schlank und in shape kommen!“ Doch im Jahr 2026 erreicht der Schlankheitskult durch Phänomene wie #Skinnytok und den Hype um Abnehmspritzen eine neue, problematische Intensität. Diese ständige Konfrontation mit idealisierten Körperbildern raubt uns nicht nur den Blick für die natürliche Vielfalt menschlicher Formen, sondern fördert auch ein Klima der Intoleranz, das nachweislich krank macht.

Genau hier setzt Martina „Bobby“ Herrmann-Thurner an.
Die gebürtige Wienerin und erfolgreiche Unternehmerin ist eine Kämpferin mit klarer Haltung und eine beeindruckende Erscheinung. Manche kennen die stilbewusste Fashionista von dem einen oder anderen Wiener Modeevent. Als einzige Plus Size Expertin Österreichs setzt sie sich unentwegt gegen Gewichtsdiskriminierung und mehr Körperdiversität ein. Jetzt ist ihr mit ihrem ersten Buch „Fat Business“ ein leidenschaftliches Plädoyer für die Würde, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung mehrgewichtiger Menschen gelungen.

Wie bei vielen Aktivist:innen machte die Betroffenheit sie zur Expertin. Schon im Kindesalter wurde ihr durch das Umfeld und das Gesundheitssystem vermittelt, ihr Körper sei „falsch“ und müsse optimiert werden – eine Erfahrung, die in eine Jugend voller Diäten und Ausgrenzung mündete und die viele mehrgewichtige Personen teilen. Heute reflektiert sie diese Erlebnisse nicht mehr als rein persönliches Schicksal, sondern als Symptom eines strukturellen Versagens.

„Wir wissen heute, wie schädlich dieser permanente soziale Stress für die Gesundheit ist. Es ist nicht nur das Gewicht, das belastet, sondern die Art und Weise, wie die Welt auf dieses Gewicht reagiert.“

 

Die erste österreichische Stimme im Kampf gegen Gewichtsdiskriminierung

Beruflich zunächst aus der PR und der Kommunikation kommend, hat die modeliebende Politikwissenschaftlerin schnell das Bloggen als Sprache für sich entdeckt. Alles begann in einer Boutique in Niederösterreich: Aus der Liebe zur Mode und dem Netzwerken entstand die Idee, für die Mode durch Österreich zu reisen, Styles und Geschichten zu sammeln. Das war der Startschuss für ihren erfolgreichen Plus-Size-Blog Curvect –  eine Wortschöpfung aus Curvy und Perfect. Längst ist Curvect zu einer Marke geworden, die für Empowerment und Sichtbarkeit steht.

„Die Entscheidung für meinen Beruf fiel nicht aus Wut heraus aufs Plus-Size-Bloggen, sondern ging von dem Standpunkt aus, dass Plus Sizes mehr verdienen: mehr Anerkennung, abwechslungsreichere Mode, mehr Selbstwert und vor allem mehr Mitsprache bei Entscheidungen, die vor allem auch sie betreffen.“

2015 hat Bobby sich mit der Mission einen wichtigen Safe Space zur Vernetzung für mehrgewichtige Frauen und weiblich gelesenen Personen ganz ohne Bodyshaming zu bieten selbstständig gemacht. Sie veranstaltet Plus-Size-Mode Events wie den Curvect Second Hand Markt im Hilfswerk Wien. Auch ist sie Mitbegründerin des Podcasts „Fat Business“ wo sie über Bedürfnisse und Belange Mehrgewichtiger, Mode und Selbstakzeptanz spricht. Als Plus Size Expertin klärt sie unentwegt zu den Themen positives Körperbewusstsein und Gewichtsdiskriminierung auf und ist wichtige  (Für-)Sprecherin auf Konferenzen, Podien und Bühnen.

 

Gewichtsdiskriminierung geht uns alle an

Denn Gewichtsdiskriminierung ist weit mehr als eine bloße Unhöflichkeit im Alltag. Sie ist ein tief verwurzeltes, strukturelles Problem, das Millionen von Menschen systematisch benachteiligt. Von medialen Klischees bis hin zur offenen Herabwürdigung: Die Abwertung von Körpern, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen, hat schwerwiegende Konsequenzen in allen Lebensbereichen.

Besonders deutlich wird die Ungleichbehandlung beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele qualifizierte Menschen mit höherem Körpergewicht erleben, dass sie Jobs trotz Bestnoten nicht bekommen, schlichtweg weil ihr Körper nicht in das „Unternehmensprofil“ passt. Das betrifft vor allem Frauen, da sie anders als Männer unter höherem Schönheitsdruck stehen. Diese Diskriminierung verbaut Karriereschancen und führt zu einer finanziellen und sozialen Benachteiligung, die nichts mit der tatsächlichen Leistungsfähigkeit zu tun hat.

Auch die medizinische Versorgung leidet unter diesen Vorurteilen. Wenn Diagnosen vorschnell auf das Gewicht geschoben werden, statt Symptome neutral zu untersuchen, gefährdet das am Ende Leben. Studien belegen zudem eindeutig: Nicht nur das Gewicht selbst, sondern vor allem die Diskriminierung macht krank. Sie führt zu chronischem Stress und sozialem Rückzug, was wiederum die politische und gesellschaftliche Teilhabe massiv einschränkt.

„Gewichtsdiskriminierung ist ein systemisches und strukturellen Problem. Sie durchdringt jeden Winkel der Gesellschaft, der Politik, Medizin und Wirtschaft, sie ist so alltäglich, so gängig und so „normal“, dass sie meistens nicht auffällt-außer den Betroffenen.“

 

Wege zu echter Teilhabe und radikaler Selbstbestimmung

Für Bobby darf die Teilhabe mehrgewichtiger Menschen keine Verhandlungssache mehr sein, sondern eine gelebte Realität. Ihr Ansatz bricht radikal mit der gängigen Vorstellung, dass Mehrgewicht ein Makel sei, den man unter allen Umständen „bekämpfen“ müsse. Jeder Mensch soll das Recht haben, in seinem Körper respektiert zu werden, ohne permanentem Optimierungsdruck ausgesetzt zu sein. Mehrgewichtige Menschen verdienen eine vorurteilsfreie Behandlung und ein Begegnen auf Augenhöhe.

Viele mehrgewichtige Menschen ziehen sich aus Scham zurück und verwehren sich selbst Chancen und Erlebnisse. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, braucht es auch Vorbilder in der Öffentlichkeit, an denen sich Betroffene orientieren können – Menschen, die zeigen, dass man „okay“ und wertvoll ist, genau so wie man ist. Dabei betont Bobby, dass es nicht nur um die schiere Sichtbarkeit geht, sondern um die Art der Repräsentation. Daher fordert sie eine vielfältige Medienlandschaft, die dicke Körper nicht als Klischee oder Problemfall darstellt, sondern die natürliche Vielfalt menschlicher Körper akzeptiert und zelebriert. Es muss auf allen gesellschaftlichen Ebenen ein Verständnis für die Notwendigkeit von Vielfalt entstehen, sowie ein informiertes Wissen zu Mehrgewichtigkeit, dass Betroffene einschließt, statt auszugrenzen versucht. 

„Dicke Menschen möchten ein gutes Leben führen mit allem was dazu gehört. Mit einem guten Gefühl, mit einer guten Psyche, mit guten Lebensmitteln und mit einer guten Gesundheit.“

Während die Gesellschaft Mehrgewichtigkeit oft als individuelles Versagen abstempelt, entlarvt Bobby die dahinterliegende Systematik. Sie fordert uns auf, das Leben nicht auf „irgendwann, wenn ich dünner bin“ zu verschieben, sondern jetzt den verdienten Platz in der Welt einzufordern. Durch ihre stilbewusste Präsenz und ihre klare politische Haltung zeigt sie, dass Würde, Stil und Erfolg keine Konfektionsgröße kennen. Sie ist die Hero:ine, die wir brauchen, um eine Welt zu gestalten, in der Vielfalt nicht nur geduldet, sondern als natürliche Stärke zelebriert wird.

 

geschrieben von Marta Suzama 

 

 

 

Lerne Bobby Herrmann-Thurner am 20.1.2026 beim ersten Sisters Meet Up des Jahres kennen. 

19 Uhr im Wuk