THE:Interview – Monika Salzer

Monika Salzer

OMAS GEGEN RECHTS 

Rote Strickmützen zieren die Köpfe der Demonstrantinnen: Das Markenzeichen der OMAS GEGEN RECHTS ist inzwischen über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Die zivilgesellschaftliche Initiative wurde 2017 von der Psychotherapeutin Monika Salzer in Österreich gegründet. Mit der pensionierten ORF-Korrespondentin Susanne Scholl hatte die Protestbewegung von Anfang an eine prominente Mitstreiterin. Ein Jahr später entstanden auch in Deutschland zahlreiche Regionalgruppen. Heute setzen sich die OMAS auch in der Schweiz, Italien und Polen gegen Rechtsextremismus ein. Für 2026 ist eine europaweite Ausweitung geplant. Ein Gespräch mit Monika Salzer über OMAS und Feminismus.

Sorority: Frau Salzer, Sie haben die Plattform und Bürger:inneninitiative „OMAS GEGEN RECHTS“ gegründet. Was war das Motiv?

Salzer: Einerseits hat mich die Erkenntnis erschreckt, dass es eine blau-schwarze Regierung geben wird. 2017 wurde die ÖVP bei den Nationalratswahlen unter Sebastian Kurz zur stärksten Partei, die FPÖ landete auf Platz zwei. Am Abend vor der Beerdigung meiner Mutter habe ich mir damals alte Fotos meiner Vorfahr:innen angesehen, die sehr streitbare Frauen waren. Meine Urgroßmutter war Hebamme und eine resolute, selbstständige Frau. Im Austrofaschismus hat sie sich in geheimen Gruppen mit anderen Sozialist:innen getroffen. Ich dachte: Diese Generation hat sich mehr gegenüber einem repressiven Regime getraut, als wir uns heute. So entstand die Idee. Ich gründete die Gruppe OMAS GEGEN RECHTS auf Facebook mit dem Foto meiner Urgroßmutter.

Sorority: Ältere Frauen werden gesellschaftlich oft unsichtbar gemacht. Warum haben Sie die Figur der „Oma“ gewählt? 

Salzer: Ich bin eine leidenschaftliche Oma und damals schon in einem Lebensabschnitt gewesen, in dem man nicht mehr berufstätig, aber dennoch sehr aktiv ist. Enkelkinder sind eine große Verantwortung und Herausforderung. Viele in meiner Generation übernehmen diese Aufgabe. Zu behaupten, wir gehörten „zum alten Eisen“ und hätten keine Funktion mehr in der Gesellschaft – das ist schlichtweg falsch. Die Haltung kommt von Männern, die keine Ahnung von der Realität haben.

Sorority: Dürfen Opas auch Mitglied werden?

Warum nicht? Aber sie heißen bei uns OMAS. Sie sind mitgemeint. Es geht bei uns um die politische Überzeugung. Wir waren alle in den 1970er-Jahren rund 20 Jahre alt und haben eine Zivilgesellschaft erlebt, die für Proteste und Friedensbewegungen auf die Straße gegangen ist. Für mich war es wichtig, einen feministischen Fokus zu setzen: Zu zeigen, dass ältere Frauen einen Mehrwert in der Gesellschaft haben. Den Satz „Alt sein heißt nicht stumm sein“ habe ich zu unserem Motto gemacht. Die Rechten betonen oft, dass wir „zum alten Eisen“ gehören würden – das ist frauenfeindlich und altersdiskriminierend. Die Haltung entspringt dem Individualisierungsdruck und Jugendkult der Nachkriegszeit.

Sorority: Sie sagen, Ihre Vorfahrinnen haben sich mehr getraut, als wir heute. Wie sehen Sie die heutige Jugend? Manchmal wird ihr vorgeworfen, zu unpolitisch zu sein.

Salzer: Das kann man der jungen Generation nicht vorwerfen. Wir demonstrieren immer gemeinsam mit der Jugend. Leider hat sich ein Teil im rechten Milieu radikalisiert. Das ist besonders in Deutschland zu beobachten. Was ich vermisse sind Menschen in Machtpositionen, die etwas verändern könnten: Menschen zwischen 40 und 60 Jahren. Sie sind im Job und haben angeblich keine Zeit für Demos. Bei Frauen kann ich das nachvollziehen, bei Männern sehe ich das nicht ein. Die OMAS werden von der Jugend geschätzt, weil wir oft die einzigen Erwachsenen sind, die für sie da sind.

Sorority: Wofür demonstrieren die OMAS GEGEN RECHTS? Wie erleben Sie das politische Klima aktuell? 

Salzer: Wir sind für Demokratie, Menschenrechte und die Erhaltung des Sozialstaats. Das wird von Rechtsextremen schon als Angriff gesehen. Wir bekämpfen nicht Rechtskonservative aus der Mitte der Gesellschaft. Wir bekämpfen Rechtsextreme, die dieses System sprengen wollen. Dieses System ist die Demokratie. Wir werden in Österreich von der FPÖ angegriffen, Alice Weidel greift die OMAS in Deutschland an. Friedrich Merz hat im Zuge einer „kleinen Anfrage“ 500 Fragen an den deutschen Bundesrat gestellt und versucht, mehreren zivilgesellschaftlichen Organisationen – darunter auch den OMAS GEGEN RECHTS in Deutschland – finanzielle Bereicherung zu unterstellen. In Deutschland werden die OMAS als Bedrohung wahrgenommen. Das ist schon eine wahnsinnige Leistung. Letzten Endes ist es ein Alarmsignal: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Angriff auf die Zivilgesellschaft der Beginn totalitärerer Systeme ist. Als ich die Initiative vor acht Jahren gegründet habe, hätte ich mir das niemals gedacht.

Sorority: Wer sind diese Angreifer?

Salzer: Ausschließlich Männer im Internet. Sie drohen auch mit sexualisierter Gewalt. Das ist schon absurd. Diese Sexfantasien sind Gewaltfantasien. Die Frau ist ab Mitte ihres Lebens nicht mehr sexuell verfügbar. Und das Patriarchat lebt davon, dass die Frau verfügbar ist. Und wir zeigen uns als OMAS GEGEN RECHTS als unverfügbar.

Sorority: Glauben Sie, dass die Figur der Oma junge Frauen motiviert? 

Salzer: Das hoffe ich. Wir haben viele Anfragen von jungen Studentinnen, die mehr über unsere Widerstandsgeschichte erfahren möchten. Zur „Generation Oma“ haben Nachkommen oft eine andere, leichtere Beziehung als zu den Eltern. Von den Eltern müssen sich Kinder emanzipieren, von den Großeltern nicht. Großeltern haben zudem die Funktion, Rückenstärkung zu geben. Wenn Omas sterben, sitzt man Erste Reihe fußfrei.

 

geschrieben von Beatrix Kouba

 

 

Quellen und Informationen: 

https://omasgegenrechts.at