Wenn Schweigen Gold ist
/in Blog /by The Sorority
Wenn Schweigen Gold ist
Die unbequeme Wahrheit über Alexander Zverev und andere Sportstars
„Wir glauben Olya und Brenda!“, mit diesen Zwischenrufen wurden die Spiele der Erste Bank Open in Wien im Oktober 2024 begleitet. Knapp eineinhalb Jahre später gewinnt der deutsche Tennisspieler nun den Grand-Slam, angefeuert von: „Go Sascha!“
Am Sonntag liefen die French Open in Paris zu Ende. Im Finale stand der deutsche Spitzenspieler Alexander Zverev, der aktuell den dritten Platz der Weltrangliste belegt. Nach seinem Gewinn überschlagen sich nun die positiven Schlagzeilen zum Sieg des deutschen Stars. Ein Detail bleibt in der Berichterstattung, ganz zufällig (?), aus.
Was viele nicht wissen, nicht wissen wollen oder nicht wissen können: vor nicht einmal zwei Jahren stand Zverev wegen des Vorwurfs häuslicher Gewalt vor Gericht. Seine Ex-Freundin Brenda Patea beschuldigte ihn, sie sowohl physisch als auch psychisch misshandelt zu haben.
Im Oktober 2023 erließ das Amtsgericht Berlin einen Strafbefehl: 450.000 Euro Geldstrafe. Später wurde das Verfahren ohne Urteil eingestellt, nach einer
außergerichtlichen Einigung, bei der Zverev 200.000 Euro zahlte (von denen 150.000 € in die Staatskasse gingen & 50.000 € an gemeinnützige Zwecke gespendet wurden!). Bei einem geschätzten Vermögen von über 54 Millionen Euro kaum mehr als ein symbolischer Betrag.
Nach dem Sieg des Sportlers nun: Kaum aktuelle Artikel über Zverevs Taten in den Medien, kein kritischer Kommentar. Nichts. Während der Tennis Star im Rampenlicht steht, schweigt der Sportjournalismus. Warum? Weil ein Skandal um häusliche Gewalt die Karriere des Profis gefährden könnte?
Das Muster ist bei Sportstars nicht neu. Man erinnere sich an Jerome Boateng: Auch er wurde von seiner Ex-Freundin Kasia Lenhardt der Misshandlung beschuldigt. Nur wenige Tage nachdem das Aus der Beziehung 2021 öffentlich bekannt wurde, nahm sie sich das Leben. Boateng erklärte später, Kasia habe ihm gedroht, ihn zu „zerstören“ und seine Karriere zu ruinieren. Ein Narrativ, dass die Betroffene von Gewalt plötzlich zur Täterin macht.
Vier Jahre nach dem Tod des polnischen Models dann die Krönung: die ARD veröffentlicht eine Doku über Boateng, um „seine Karriere zu retten“. In der dreiteiligen Reihe wird das Bild eines Helden anstatt das eines rechtskräftig verurteilten Gewalttäters gezeichnet.
Im Sport ist das Bild des Mannes das eines unantastbaren, starken und disziplinierten Helden, die Welt scheint perfekt. Diese Darstellung wird maßgeblich vom Sportjournalismus geprägt. Seine Aufgabe ist es, umfassend zu berichten, auch über das, was zwischen den Spielen passiert. Stattdessen werden unbequeme Wahrheiten ausgeblendet und „zerstörte“ Images wieder aufpoliert, damit das fragile Kartenhaus, erbaut von milliardenschweren Sponsoren, globalen Konzernen und mächtigen, weißen Männern an der Spitze, nicht einstürzt.
Eine Studie der University of Arizona belegte bereits 2010: Anklagende mediale Rahmung (Framing) führt dazu, dass ein Sportler als kriminell schuldiger wahrgenommen wird. Eine verteidigende Darstellung führt währenddessen dazu, dass man die Umstände und äußeren Einflüsse stärker berücksichtigt, die das Verhalten erklären oder entschuldigen könnten.
Heißt also: wenn das ARD in ihrer beschönigten Doku einen Rechtskräftig verurteilten Fußballspieler als Helden darstellt und in der Google-Suchleiste auf der Recherche nach Artikeln zu Alexander Zverevs Tennissieg keine einzige negative Schlagzeile aufkommt, passiert genau das. Die schuldigen Männer werden entlastet, ihr Image ist gerettet,gerettetet, die Karriere ist (Überraschung) nicht eingebrochen.
Durch das aktive Weglassen (zensieren?) oder beschönigen der ganzen Wahrheit, leistet die PR der Stars einen harten Job. Dass der Sportjournalismus das mit sich machen lässt, sagt aus, in welchem System wir leben. KommentatorEN nennen Täter von Gewalttaten „unseren Sasha“ oder erwähnen im Kommentar eines Deutschlandspiels in einem unvollständigen Nebensatz, dass es Gewaltvorwürfe gegen Boateng gibt, der dann aber euphorisch von „DAS IST DIE CHANCE FÜR DEUTSCHLAND“ abgebrochen wird.
Ein kurzer Reminder, wie die Karrieren der Sportstars nach bekanntwerden der Gewalttaten „zerstört“ wurden:
- Ronaldo (Fußballspieler, Portugal): Vergewaltigungsvorwurf, fünf Weltmeisterschaften ohne Titel, Rekordschütze der Nationalmannschaft.
- Mendy (Fußballspieler, Frankreich): Vergewaltigungsvorwürfe, Weltmeister 2018, Französischer Meister, mehrfach englischer Meister.
- Boateng (Fußballspieler, Brasilien): rechtskräftig verurteilt wegen Misshandlung der Ex-Partnerin, Weltmeister 2014, gewann die UEFA Champions League, neunfach deutscher Meister.
- Zverev (Tennisspieler, Deutschland): Vergewaltigungsvorwürfe, Olympiasieger 2021, French Open Gewinner 2026.
…und noch viele, viele mehr!
Jetzt steht die WM in den Startlöchern. Mit dabei, unzählige Spieler, denen ebenfalls Gewalt gegenüber ihren Partnerinnen vorgeworfen & teilweise auch nachgewiesen wurde.
Es bleibt also spannend, inwiefern die Gewaltvorwürfe gegen die (Fußball)Stars öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, oder ob sie doch wieder einmal unter den Teppich gekehrt werden.
geschrieben von Katharina Lutz
Quellen und Informationen:
ARD – Urteil gegen Boateng ist rechtskräftig
Beitrag Die Zeit – Prozess gegen Alexander Zverev ohne Urteil eingestellt
Seate, A. A., Harwood, J., & Blecha, E. (2010). “He was framed!” Framing criminal behavior in sports news. Communication Research Reports, 27(4), 343–354.

Jonas Unden