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Heroine* of the month – Alexandra Wachter

Puls4-Moderatorin und Journalistin Alexandra Wachter (c) Glanzl

Jeden Monat stellen wir euch hier eine „Heroine* of the Month“ vor. Damit meinen wir eine Heldin, die uns durch ihr Engagement für die Gleichwertigkeit aller Menschen besonders beeindruckt. Dazu zählt die Puls4 und Puls24-Moderatorin und Journalistin Alexandra Wachter. Hinter der Kamera engagiert sie sich als Vorsitzende im Frauennetzwerk Medien und nutzt ihre sozialen Kanäle, um etwa gegen Sexismus und Gewalt einzustehen. Dabei gibt sie sich unaufgeregt, respektvoll und vor allem direkt – und eckt damit an. Im Interview erzählt Alexandra, wie sie mit negativen Reaktionen umgeht, wie sie strukturelle Benachteiligung in der Medienwelt erlebt, aber auch, welche positiven Entwicklungen sie sieht.

Als du in einem Interview im Juli dem Bundeskanzler ein kritisches Zitat vorgelesen hast, reagierte dieser mit: „Aber Sie haben ja ein eigenes Hirn.“ Als das Interview auf Sendung ging, fehlte genau diese Passage. Wie wappnest du dich gegen solche Untergriffe? Und erfahren auch deine Kollegen diese Umgangsformen?

Alexandra Wachter: Die Entgleisung des Bundeskanzlers war wohl mehreren Faktoren geschuldet, aber ganz zentral ging es ihm darum, mich zu verunsichern, um meinen Fragen auszuweichen. Sebastian Kurz kommuniziert gerne auf der Meta-Ebene, wenn er derjenige ist, der sie vorgibt und das Tempo bestimmt. Da ich in diesem Gespräch konkret nach der Meta-Ebene gefragt habe und auf eine klare Einordnung zu gewissen Fakten insistiert habe, ging es ihm darum, mich aus dem Konzept zu bringen.

Ob er das nun auch bei meinem seniorigen“ Kollegen getan hätte? Unklar. Fest steht jedoch, dass ich als junge Frau mit anderen Untergriffen konfrontiert bin als meine männlichen Kollegen. Das weiß ich, und darauf bin ich vorbereitet.

Ich glaube, dass es genau darum geht. Vorbereitet zu sein, und zwar immer.

Denn entweder reagiert man auf solche Angriffe mit einer Gegenfrage, in diesem Fall hätte ich sagen können „Halten Sie das für die passende Aussage auf meine Frage?“ oder man stoppt den Untergriff mit Bestimmung ab, so wie ich es getan habe mit der Antwort „natürlich“.

Denn klar, ich habe ein eigenes Hirn, genau wie er und jeder andere Mensch auch. Er wollte aber in diesem Moment um jeden Preis eine Meinung von mir zu seiner Arbeit hören, um den Diskurs, das „Framing“, zu verändern und eben das ist ihm nicht gelungen.

Warum? Weil es in Interviews mit Politiker*innen nicht um meine Meinung geht und nie gehen wird. Ich hatte mir vor dem Interview keine Meinung über die Performance des Bundeskanzlers beim EU-Gipfel gebildet, ich war da, um den Zuseherinnen und Zusehern dabei zu helfen, sich selbst eine Meinung zu bilden, indem ich ihn befrage.

Das ist wohl die zweite Wahrheit: Die eigene Intention muss immer klar sein. Je klarer ich weiß, was mein Ziel ist, umso weniger kann man mich aus dem Konzept bringen.

Die Aufregung beim „­Österreichischer Journalist“-Herausgeber war groß, als du öffentlich den Titel seines Magazins in Frage gestellt hast. „Motzen“ und „Leute, die nicht kaufen, aber überall mitreden wollen“, seien ihm zu wenig. Er erklärte, den Titel nur zu ändern, wenn 100 neue Abos abgeschlossen werden. Warum war es dir wichtig, auf den Namen hinzuweisen?

Ich habe auf Twitter die Frage gestellt, warum ein Verlag sein Branchenmagazin für Journalistinnen und Journalisten in Deutschland „Medium Magazin“ nennt und hierzulande „Der Österreichischer Journalist“. Der Titel spricht nur den Journalisten an und nicht die Journalistin. Mein konstruktiver Vorschlag war also eine Namensänderung, und zwar „Der Österreichische Journalismus“, das würde unsere gesamte Branche ansprechen.

Warum ist das wichtig? Weil Sprache Realität schafft. Das ist gerade für uns, die wir im Journalismus arbeiten, von entscheidender Bedeutung! Sprachliche Sorgfalt und Ausgewogenheit sind tragende Säulen des Qualitätsjournalismus.

Das, was wir leben, ist das, was wir publizieren.

Zudem ist es eben „Der Österreichische Journalist“, der seit 15 Jahren die Journalist*innen des Jahres auszeichnet. Bisher ging der Hauptpreis 13 Mal an Journalisten und zwei Mal an Journalistinnen.

Auf meinen Vorschlag zur Namensänderung hat der Herausgeber Johann Oberauer leider sehr unsachlich reagiert und auch insinuiert, dass ich aufgrund des Titels den Inhalt des Hefts kritisiere. Das habe ich aber nie getan. Meine Kritik bezieht sich auf den Titel.

Wichtig an dieser Stelle: In einem Standard-Interview hat der Herausgeber versprochen, dass das „Gender-Thema“ – wie er es nennt – noch heuer gelöst wird. Ich finde, das klingt sehr gut und das Jahr hat ja noch fast fünf Wochen.

Nur eine Tageszeitungsredaktion in Österreich wird von einer Frau geleitet. Was braucht es, um das zu ändern?

Um den Kreislauf der Reproduktion zu durchbrechen, benötigt es auf jeden Fall eine verpflichtende Quote. Was ich damit meine: Wir kennen aus der Soziologie den Begriff der Homosozialität. Das bedeutet, dass sich Menschen am liebsten und überwiegend mit Menschen umgeben, die ihnen ähnlich sind. Wozu das führt, ist ganz klar: Zu immer gleichbleibenden männlich dominierten Führungsetagen mit Männern, die eine ähnliche Lebensgeschichte und damit einen ähnlichen sozioökonomischen Hintergrund miteinander teilen.

Natürlich gibt es Ausnahmen, aber Fakt ist, dass der Frauenanteil in Geschäftsführungen der Top 200-Unternehmen in Österreich 2020 bei lediglich 8 Prozent liegt. Das bedeutet, dass die Geschäftsführungs-Positionen zu 92 Prozent von Männern besetzt werden. Und an diesem Wert ändert sich auch seit vielen Jahren kaum etwas, die Arbeiterkammer führt diese Erhebung jährlich im Frauen.Management.Report durch. Diese Zahlen sprechen also eine klare Sprache.

Ohne eine Quote und eine Verpflichtung wird sich nichts ändern.

Das kann man nun ignorieren und sagen, stimmt nicht, es wird sich einfach nur durch gutes Zureden etwas in Richtung Gleichstellung verändern oder aber man sieht der Wahrheit ins Gesicht und macht sich klar, dass diese gewachsenen patriarchalen Strukturen nur durchbrochen werden können, wenn man eine Verpflichtung einführt. So lange Männer den Großteil aller Spielregeln unserer Gesellschaft gestalten, werden wir immer im Nachteil sein, das gilt für alle Lebenswelten.

Wie lebst du Solidarität in deinem Berufsalltag und auch privat?

Es gibt so viele großartige Journalistinnen, so viele fachlich exzellente Frauen*. Aus diesem Grund bin ich davon überzeugt, dass es wichtig ist, stets gut über Kolleginnen zu sprechen. Um diese Leistungen sichtbar zu machen. Wir müssen uns gegenseitig nach oben bringen, uns die sogenannte „Räuberinnenleiter“ machen und bewusst Empfehlungen für Kolleginnen aussprechen, wenn Stellen neu besetzt werden.

Rivalität bringt uns keinen Millimeter weiter, Zusammenhalt schon!

Wenn wir uns bewusst machen, dass diese Welt noch immer hauptsächlich von Männern regiert wird, die sich gegenseitig helfen, dann muss uns klar sein, dass es von zentraler Bedeutung ist, wie wir uns verhalten. Zentral ist dabei auch der Fokus auf alle Lebenswelten.

Wenn Alleinerzieherinnen zurückgelassen werden, Frauen* in Niedriglohnsektoren nichts vom Aufstieg der anderen Frauen* haben und der intersektionale Feminismus nicht berücksichtigt wird, dann verfehlt die Solidarität ihr Ziel.

Es geht darum, dass man sich immer wieder die eigenen Privilegien bewusst macht, sich – wie in meinem Fall – erinnert, in welcher Situation man selbst war und durch welche Faktoren man sich aus schwierigen Lebensumständen befreien konnte und dementsprechend dann den Blick fürs große Ganze behält.

Was erwartet mich, wenn ich Mitglied beim Frauennetzwerk Medien werde?

Der Austausch mit Gleichgesinnten. Wir sind ein überparteilicher Verein, der 1999 in Wien gegründet wurde und seither Journalist*innen eine Plattform bietet, um sich zu vernetzen und echte Gleichstellung nicht nur auf dem Papier, sondern ganz real im täglichen Leben einzufordern.

Dieses Ziel verfolgen wir auf unterschiedlichen Ebenen: Wie betreiben ein Mentoringprogramm, verleihen den Wiener Journalistinnen-Preis und den Jungjournalistinnen-Preis, erstellen Expertinnen-Listen zu unterschiedlichen Fachgebieten, verleihen den Schmähpreis „Rosa Handtaschl“ und geben gemeinsam mit Expert*innen Workshops zu unterschiedlichen Themengebieten. Im Fokus steht aber der Austausch unserer Mitgliedsfrauen. Zu hören, dass es anderen auch so geht wie einem selbst, sich Tipps zu holen und Unterstützung zu erfahren, das gibt viel Kraft und stärkt extrem.

Neuer Vorstand des Frauennetzwerk Medien

Neuer Vorstand des Frauennetzwerk Medien

Wenn wir, die wir gleich denken und für eine geschlechtergerechte Welt eintreten, uns konsequent austauschen, stärken und zusammentun, dann bin ich davon überzeugt, dass wir etwas zum Besseren und Gerechteren verändern können. Ich bin jetzt 31 Jahre alt und gehe davon aus, dass ich in 31 Jahren auf eine Gesellschaft blicken kann, in der es tatsächlich selbstverständlich ist, dass Frauen* alles erreichen können und in der alle Menschen unabhängig davon, wie verschieden sie sind, die gleichen Rechte und Chancen haben. Ich weiß, das ist ein idealistisches Bild der Zukunft, aber Dystopien gibt es genug.

Du bist als Vorsitzende des Frauennetzwerks Medien an einer Initiative aus Österreich, Deutschland und der Schweiz beteiligt, die mit einem Forderungskatalog auf die fehlende Gleichberechtigung im Journalismus aufmerksam machen möchte. Was sind die wichtigsten Punkte?

Der wichtigste Punkt ist jener, dass wir Ungerechtigkeiten in puncto Gleichstellung nicht länger tolerieren wollen. Deswegen haben wir uns zusammengetan, denn die Themen sind in Österreich, Deutschland und er Schweiz dieselben. Wir fordern deswegen:

  1. 50 Prozent Frauen* auf allen Führungsebenen in den Redaktionen und Medienhäusern.
  2. Mehr Frauen* als Protagonistinnen und Expertinnen in der Berichterstattung.
  3. 50 Prozent Kolumnistinnen, Leitartiklerinnen und Kommentatorinnen in den meinungsbildenden journalistischen Formaten.
  4. Möglichkeiten auf Führungspositionen in Teilzeit, Jobsharing und für familienfreundliche Arbeitsbedingungen.
  5. Unterstützung, Solidarität und Hilfsfonds für freie Mitarbeiter*innen!
  6. Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit.
  7. Mehr Diversität in Redaktionen. Gesellschaftliche Vielfalt muss sich in den Redaktionen widerspiegeln.
  8. Berücksichtigung der fairen Repräsentanz und Frauenförderung als Kriterium bei der Vergabe öffentlicher Fördermittel, wie zum Beispiel Presse- und Medienförderung oder Projektförderungen für Medien.

Was hat dich zu der erfolgreichen Journalistin und Moderatorin gemacht, die du heute bist? Was waren prägendende Stationen bzw. Erlebnisse?

Da meine Mama Mexikanerin ist und mein Vater Vorarlberger bin ich in zwei diametralen Ländern und Kulturen aufgewachsen. Das hat mich sehr stark geprägt. Ich war sehr früh mit sozialer Ungleichheit konfrontiert und in mir gab es bereits damals den Wunsch über das Erlebte zu berichten. Anderen eine Stimme zu geben. In Österreich zu erzählen, was sich in Mexiko abspielt. Als meine Schwester, sie ist fast acht Jahre älter als ich, den Weg in den Journalismus eingeschlagen hat, war für mich klar, das ist auch mein Weg.

Durch ein Praktikum beim Regionalfernsehen in Tirol hatte ich dann die Möglichkeit, den Beruf kennenzulernen. Dazu muss man wissen, dass ich mit 19 Mutter geworden bin und zeitgleich auch studiert habe. Es war also viel auf einmal, aber mir war auch klar, dass ich die Chance beim Fernsehen sofort ergreifen muss, denn in der Situation, in der ich war, wusste ich nicht, wann es wieder so eine Gelegenheit geben würde.

Ich habe also sehr oft aufgezeigt und ja gesagt, wenn ich gefragt wurde ob ich Zeit habe, um zu drehen oder ob ich mir diese oder jene Aufgabe zutraue.

Meiner Meinung nach geht es genau darum: Ja zu sagen und sich Dinge zuzutrauen! So hat sich für mich auch der Weg in den ORF Tirol eröffnet und schließlich wurde ich vom Team des neu gegründeten Senders Tirol TV mit 23 Jahren als Sendungsverantwortliche eingestellt. Wir waren ein kleines und sehr zielstrebiges Team und hatten die Chance, Puls 4 mit unseren Inhalten zu beliefern. Diese Kooperation hat sich sehr gut entwickelt und schließlich hat sich für mich die Türe nach Wien zu Puls 4 geöffnet. Seit mehr als fünf Jahren bin ich nun Journalistin und Moderatorin bei Puls 4 und seit 2019 auch bei Puls 24. In dieser Zeit konnte ich zahlreiche Reportagen und Beiträge gestalten, zwei Dokumentationen umsetzen, Nachrichten moderieren und Interviews mit Politiker*innen führen.

Das klingt nun retrospektiv alles sehr stringent, aber in diesen Jahren gab es auch viele Momente der Verzweiflung, weil ich das Gefühl hatte, dass nichts weitergeht und ich mich in Geduld üben musste. Manchmal ergibt eben alles nur rückblickend einen Sinn.

Wichtig ist meiner Meinung nach: Als Journalistin herausfinden, welche Themen für einen selbst von zentraler Bedeutung sind.

Wenn es um Innenpolitik geht, dann versuche ich immer durch Empathie nachzuvollziehen, was die oder jene Entscheidung für das Leben der einzelnen Person bedeutet. Wichtig ist mir in meiner Berichterstattung, die Fakten immer unter den Gesichtspunkt der Menschenrechte und der Geschlechtergerechtigkeit zu stellen. Von diesem Standpunkt aus kann ich Dinge einordnen und Klarheit in meiner Arbeit erlangen.

Bei den diesjährigen Medientagen hast du die anonyme Schilderung einer Journalistin über Gewalt in ihrer Beziehung vorgetragen. Du selbst hast dich vor einigen Jahren aus einer gewalttätigen Beziehung befreit. Wie können Medienschaffende den Frauen* eine Stimme geben und Themen wie Gewalt zur Sprache bringen, sodass nachhaltig Veränderung passieren kann?

Wir müssen uns überlegen, welche Wirkung und welche Macht unsere Worte haben. Unsere Worte prägen das Bild dieser Gesellschaft. Wenn ein Mann eine Frau* ermordet, dann ist das keine Tragödie, die einem Unfall entspricht, sondern es ist Mord und es ist in vielen Fällen ein Femizid. Das muss benannt werden! Und es muss klar gemacht werden, welches Martyrium diese Frau durchlebt hat! Mit welcher Ungerechtigkeit sie konfrontiert war und wie wir als Gesellschaft versagt haben, weil wir ihr nicht geholfen haben.

Es spielt keine entscheidende Rolle, aus welchen Motiven der Mann gehandelt hat. Dennoch wird bei so gut wie jeder Tat minutiös berichtet, ob der Täter beispielsweise aus Eifersucht gehandelt hat. Als ob das etwas entschuldigen oder erklären würde. Nein, das tut es nicht!

Niemand hat das Recht einem anderen Menschen Gewalt anzutun. Dafür gibt es keine Begründung und keine Rechtfertigung.

Wir müssen uns viel mehr klar machen, was das Opfer durchlebt hat. Wir müssen Opfern eine Stimme geben und nicht die Sicht des Täters in den Mittelpunkt stellen. Wir müssen einen Mord benennen und dürfen nicht von einer Familientragödie sprechen. Wir müssen klar sagen, dass es in solchen Fällen keine Mitschuld des Opfers gibt. Wir müssen hinschauen und durch echtes Mitgefühl begreifen, dass das auch uns, unserer Schwester und unserer besten Freundin passieren kann. In Österreich gab es 2019 36.000 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt – das sind fast 100 Anzeigen pro Tag! Im selben Jahr wurden 39 Frauen* ermordet.

Zum Abschluss noch eine Frage in eigener Sache: Was verbindest du mit der Sorority?

Sehr gute Workshops, bereichernde Veranstaltungen, Vernetzung und echte Solidarität! Besonders begeistert bin ich von der sehr großen Facebook-Community, in der wirklich viel Austausch passiert. Zudem geht es bei Sorority auch darum, voneinander zu lernen und das finde ich extrem wichtig. Gerade wenn man sich von anderen Frauen* inspirieren lässt, erweitert sich der eigene Horizont.

Alexandra Wachter ist Anchor der Puls 24 News. Neben ihrer Tätigkeit als Journalistin im Politikressort der Puls 24 News absolviert sie aktuell an der Donau-Universität Krems den Universitätslehrgang Politische Kommunikation MSc und engagiert sich seit Jahren im Frauennetzwerk Medien.