Idee von Muttertag
/in Blog /by Carina Gastelsberger
Meine Idee von Muttertag
Meine Tochter hat kürzlich bei einer Familienfeier verkündet, dass sie später keine Mutter werden möchte. Diese Aussage stieß bei vielen Verwandten auf Unverständnis. Natürlich weiß ich, dass es sich um die Worte einer Zehnjährigen handelt, deren Vorstellungen sich noch oft ändern werden und natürlich auch dürfen. Und doch hat mich ihre Begründung gefreut: „Weil es so viel Arbeit und Umstände macht.“
Als ihre Mutter sehe ich darin zwei positive Aspekte. Erstens erkennt sie, wie viel Zeit, Energie und Liebe sowohl ich als auch ihr Vater – wir teilen uns die Sorgearbeit gleichberechtigt – in die Erziehung unserer Kinder investieren. Zweitens zeigt sie mit ihren gerade einmal zehn Jahren ein bemerkenswertes Bewusstsein dafür, dass Kinder großzuziehen in unseren gesellschaftlichen Strukturen eine Mammutaufgabe ist. Sie spricht damit etwas aus, das viele Erwachsene – auch weiblich gelesene – nicht auszusprechen wagen. Care-Arbeit ist anstrengend, unsichtbar und immer noch viel zu wenig anerkannt.
Care-Arbeit ist kein individuelles Schicksal, sondern politisch
Wie wir bereits in unserem Beitrag zum Muttertag im letzten Jahr (siehe https://sorority.at/muttertag/) beschrieben haben, ist der Muttertag nach wie vor ein Anlass, mütterliche Fürsorge zu feiern – ohne die strukturelle Ungleichverteilung von Care-Arbeit auch nur am Rande zu thematisieren. Sorgearbeit ist weiterhin weiblich, schlecht abgesichert und strukturell abgewertet. Lasst uns deshalb nicht nur fragen, warum wir den Muttertag feministischer denken müssen, sondern auch, wie das konkret aussehen kann. Hier ein paar Anregungen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit und gerne erweiterbar):
Anleitungen für einen feministischen Muttertag
- Vom Fokus auf Mütter zum Fokus auf Care-Arbeit
Lösen wir uns vom Bild der „aufopfernden Mutter“ und verstehen Fürsorge als gesellschaftliche Leistung. Lasst uns die Bemühungen all jener anerkennen, die sich kümmern und Sorgearbeit übernehmen. Denken wir darüber nach, wer in unserem Umfeld Care-Arbeit – bezahlt oder unbezahlt – leistet. Wer organisiert, tröstet, plant, pflegt, mitdenkt und Beziehungen am Laufen hält? Ein feministischer Muttertag kann auch ein Care-Tag sein: für Alleinerziehende, pflegende Angehörige, Bonuseltern, Wahlfamilien, Freund:innen.
- Zeit ist (viel wichtiger als!) Geld
Anstatt Dinge zu kaufen, könnten wir Zeit schenken – und zwar nicht nur an diesem einen Tag. Zeit zum Schlafen. Zeit ohne Zuständigkeit. Zeit, in der jemand anderes den Mental Load übernimmt. Ein Nachmittag allein, fest eingeplante care-freie Stunden – oder, noch besser: eine ehrliche, langfristige Umverteilung von Aufgaben. Statt „Heute helfe ich mit“ ein „Ich übernehme meinen Teil“.
- Nenn die Dinge beim Namen
Nutze den Muttertag, um über strukturelle Ungerechtigkeiten zu sprechen – gerne auch beim Kuchenessen. Warum ist Teilzeit immer noch überwiegend weiblich? Warum macht Elternschaft (vor allem Frauen) arm? Warum gehen so wenige Männer in Karenz? Warum gibt es in Österreich immer noch keine flächendeckende Kinderbetreuung? Warum wird Vereinbarkeit individualisiert, statt politisch verhandelt?
- Dekonstruiere Dankbarkeit
„Danke, dass du das alles für uns machst“ klingt nett – kann aber auch problematisch sein. Dankbarkeit ersetzt keine Rechte und schützt nicht vor Altersarmut. Ein feministischer Blick auf den Muttertag fragt vielmehr, was es bräuchte, damit Care-Arbeit nicht nur mit Dankbarkeit abgegolten wird. Was müsste sich politisch ändern – bei Arbeitszeiten, Einkommensverteilung, sozialer Absicherung und gesellschaftlichen Rollenbildern? Danke sagen ist in Ordnung, aber es braucht eben mehr als das.
- Erlaube dir Widersprüche
Du darfst Blumen mögen und den Muttertag kritisieren. Du darfst feiern und gleichzeitig wütend sein. Du darfst erschöpft und politisch sein. Feminismus muss nicht perfekt sein – er darf – und ist vielmehr – ehrlich.
- Mach den Muttertag zum Aktionstag
Vielleicht geht es dir wie mir, und du kannst dem Muttertag etwas abgewinnen, wenn du ihn bewusst als feministischen Aktionstag nutzt, um auf Ungleichheiten in Elternschaft und Care-Arbeit aufmerksam zu machen. Vielleicht freut sich eine Freundin, die dauermüde und erschöpft ist, wenn du ihre Anstrengungen siehst. Vielleicht ist es ein spätes DANKE an deine eigene Mutter. Vielleicht ist es ein Anlass, darüber nachzudenken, wie viele Männer immer noch kaum oder gar nicht in Karenz gehen – obwohl wir das Jahr 2026 schreiben. Schau hin, teile Zahlen, formuliere Forderungen, benenne Missstände. Nutze Hashtags, Statements und Gespräche.
Der Muttertag gehört uns nicht. Aber solange Sorgearbeit überwiegend von Frauen geleistet wird, ist es wichtig, ihn aus einer feministischen Perspektive zu betrachten. Lasst uns an diesem Tag Fürsorge sichtbar, verhandelbar und veränderbar machen.
geschrieben von Carina Gastelsberger

© Suna Films
Collien Fernandes Instagram