Ana Klementovic über Resilienz und den Weg aus der Erschöpfung
/in Blog /by Carina Gastelsberger
© Portrait von Barbara Rrahmani: Ana Klementovic
Mütter müssen sich selbst wichtig sein
Ana Klementovic ist Mentaltrainerin und Resilienztrainerin aus Wien mit dem Schwerpunkt auf mentalem Wohlbefinden, Selbstfürsorge und Lebensbalance für Mütter, Schwangere und berufstätige Frauen.
Mit ihrem Unternehmen „Herz im Kopf“ unterstützt sie in Workshops und 1:1-Begleitung Frauen im oft überwältigenden Alltag dabei, ihre Ressourcen zu stärken und Burnout sowie Erschöpfungsdepression vorzubeugen.
Nach eigenen Erfahrungen mit einem postpartalen Burnout hat Ana den Fokus auf die mentale Gesundheit von Müttern gelegt: Sie weiß aus erster Hand, wie herausfordernd das Jonglieren zwischen Kinderbetreuung, Beruf und Selbstfürsorge sein kann und vermittelt alltagstaugliche Strategien für mentale Stärke, emotionale Stabilität und mehr Energie.
Themenschwerpunkte ihrer Arbeit sind unter anderem:
- Mentale Stärke und Resilienz im Alltag
- Prävention von Burnout und Depression
- Selbstfürsorge, Selbstliebe und Me-Time
- Umgang mit Stress, Gedankenkreisen und Mental Load
- Negative Glaubenssätze und Verhaltensmuster auflösen
- Balance zwischen Mutterrolle, Beruf und eigener Identität
(Ausgangspunkt & Angebote laut Website und Social-Media-Präsenz)
Warum ist das Thema mentale Gesundheit für Mütter so wichtig?
Was hat dich persönlich dazu bewegt, dich genau auf dieses Thema zu fokussieren?
Ich hatte kurz nach der Geburt meiner Tochter ein Mama-Burnout, das sich mit der Zeit zu einer handfesten Erschöpfungsdepression entwickelt hatte. Daraufhin habe ich eine umfassende Ausbildung zur Mental- und Resilienztrainerin gemacht.
Die Strategien, die ich dort gelernt habe, waren bei mir so wirkungsvoll, dass ich nicht nur nach kurzer Zeit wieder in meine alte Kraft zurückgefunden habe – sondern sogar stärker war als je zuvor.
Ich bin heute überzeugt, dass ich damals sehr wahrscheinlich nicht in so eine Krise gerutscht wäre oder zumindest nicht in dieser Schwere, wenn ich die erlernten Strategien schon viel früher kennengelernt hätte.
Heute ist es meine Herzensmission, mein ganzes Wissen an andere Frauen weiterzugeben und sie mental zu stärken, damit sie nicht in so einen Zustand geraten, in dem ich war.
Warum wird mentale Gesundheit von Müttern deiner Erfahrung nach in der Öffentlichkeit noch zu wenig thematisiert?
Es ist noch immer ein Tabu-Thema, das stigmatisiert und schambehaftet ist. Muttersein wird in der Gesellschaft noch immer zu sehr idealisiert und es gibt wenig Platz für Überforderung, schwierige Gefühle oder psychische Krisen.
Viele Mütter leiden im Stillen, weil sie glauben, dass sie alleine mit ihrer Last sind und alle anderen es ja hinbekommen, nur sie nicht. Sie schämen sich, trauen sich nicht um Hilfe zu fragen und wüssten nicht einmal, wo sie sich professionelle Hilfe suchen könnten. Was ist überhaupt mit mir los? Welche Anlaufstellen gibt es?
Das Umfeld unterstützt hier oft auch nicht, weil viele einfach nicht wissen, welche Warnsignale ernstzunehmen sind. Unsere Gesellschaft ist viel zu wenig sensibilisiert und aufgeklärt, das betrifft sowohl Mütter selbst als auch das Umfeld.
Meiner Erfahrung nach ist die gesellschaftliche Erwartungshaltung noch immer, dass Mütter den Großteil der Care-Arbeit leisten sollten, und mit dieser Erwartungshaltung wachsen wir bereits auf. Dadurch entsteht Druck von außen als auch Druck sich selbst gegenüber.
In der Schwangerschaft und noch mehr nach der Geburt dreht sich fast alles um das Baby, aber wie es der (werdenden) Mutter geht, wird ganz häufig gar nicht thematisiert oder wahrgenommen.
Mütter zu schützen ist leider noch immer nicht in unserem System verankert. Selbst im Gesundheitssystem wird die psychische Gesundheit von Müttern häufig vernachlässigt. Es gibt noch immer zu wenig spezialisierte, flächendeckende und leicht zugängliche Hilfsangebote geschweige denn Angebote zur Prävention und Gesundheitsförderung. Es gibt zu wenig Aufklärung und kassenfinanzierte Unterstützung. Und in der Unternehmenslandschaft wird noch viel zu wenig für die Prävention speziell für Mütter und Eltern getan. Arbeitgeber*innen reagieren oft erst, wenn es schon zu spät ist.
Was möchtest du mit deiner Arbeit erreichen?
Was ist dein größtes Ziel mit „Herz im Kopf“ – sowohl für einzelne Frauen als auch für die Gesellschaft?
Das Ziel meiner Arbeit ist es, für die Wichtigkeit der frühzeitigen Prävention, mit Betonung auf frühzeitig, zu sensibilisieren, denn das beginnt idealerweise schon während der Familienplanung bzw. solange wir gesund sind.
Ich möchte viel mehr Sichtbarkeit für das Thema mentale Gesundheit von Müttern und Schwangeren schaffen. Dazu gehört u.a. mit relevanten Entscheidungsträger*innen in den Austausch zu gehen und schrittweise etwas in unserem System zu verändern: in der Politik, im Gesundheitswesen und in der Unternehmenslandschaft.
Es sollen Maßnahmen ergriffen werden, die eine echte Veränderung bewirken: kassengestützte präventive und familienunterstützende Angebote, flächendeckende spezialisierte Hilfsangebote und Mutter-Kind-Angebote, Aufklärungsarbeit für (werdende) Mütter, Partner*in und Angehörige, Bewusstseinsschaffung und unterstützende Angebote in Unternehmen, die als Arbeitgeber*in fungieren, und erste Schritte auf politischer Ebene, die strukturelle Veränderungen antreiben.
Welche Veränderungen würdest du dir wünschen, wenn es um die Wahrnehmung von mentaler Gesundheit im Muttersein geht?
Ich wünsche mir, dass Mütter und Schwangere nicht im Stillen leiden und dauerhafte Erschöpfung und Schlafmangel nicht als normal ansehen, sondern sich sowie dem Umfeld eingestehen, wenn ihnen alles zu viel wird.
Ich wünsche mir, dass sie aktiv nach Unterstützung und Hilfsmöglichkeiten suchen bzw. offen sind dafür Hilfe anzunehmen.
Ich wünsche mir, dass das Umfeld und andere Eltern Erschöpfung nicht abtun oder als Phase abstempeln, sondern Warnsignale erkennen und den Zustand ernstnehmen.
Ich wünsche mir, dass Geburtskliniken und Gynäkolog*innen neben der körperlichen auch endlich die mentale Gesundheit in den Fokus rücken und diese dieselbe Beachtung findet.
Ich wünsche mir, dass Arbeitgeber*innen erkennen, dass nur mental gestärkte Mütter auch wirklich leistungsfähig sind und sie deshalb viel mehr unterstützt gehören.
Welche Veränderungen würdest du dir wünschen, wenn es um die Wahrnehmung von mentaler Gesundheit im Muttersein geht?
Ich wünsche mir, dass Mütter und Schwangere nicht im Stillen leiden und dauerhafte Erschöpfung und Schlafmangel nicht als normal ansehen, sondern sich sowie dem Umfeld eingestehen, wenn ihnen alles zu viel wird.
Ich wünsche mir, dass sie aktiv nach Unterstützung und Hilfsmöglichkeiten suchen bzw. offen sind dafür Hilfe anzunehmen.
Ich wünsche mir, dass das Umfeld und andere Eltern Erschöpfung nicht abtun oder als Phase abstempeln, sondern Warnsignale erkennen und den Zustand ernstnehmen.
Ich wünsche mir, dass Geburtskliniken und Gynäkolog*innen neben der körperlichen auch endlich die mentale Gesundheit in den Fokus rücken und diese dieselbe Beachtung findet.
Ich wünsche mir, dass Arbeitgeber*innen erkennen, dass nur mental gestärkte Mütter auch wirklich leistungsfähig sind und sie deshalb viel mehr unterstützt gehören.
Zu den Methoden und Workshops
Was unterscheidet deine Workshops von klassischen Kursen oder Therapieangeboten?
Ich bin in der Prävention und nicht in der Behandlung tätig, das heißt ich sensibilisiere dafür, was passieren kann, wenn wir nicht frühzeitig etwas ändern und hole Frauen ab, wenn sie erste Erschöpfungssymptome zeigen, damit sie gar nicht erst in eine komplette Erschöpfung oder Burnout kommen.
Bei mir bekommen Frauen Strategien und Methoden mit, die für Mütter wirklich funktionieren und im herausfordernden Alltag umsetzbar sind. Wir behandeln keine allgemeinen Themen, sondern ich greife Herausforderungen auf, die die Teilnehmerinnen wirklich in ihrem Alltag beschäftigen und für die sie sich eine Lösung wünschen. Jede einzelne Frau darf gehört und gesehen werden.
Ich arbeite viel mit Selbstreflexion, um neue Sichtweisen auf sich selbst und die eigenen Themen zu ermöglichen und eine wirklich nachhaltige Veränderung zu bewirken. Dazu gehört auch stark, die eigenen hinderlichen Muster näher anzuschauen, welche Glaubenssätze dahinterstecken und wie diese aufgelöst werden können. Das schafft richtige Aha-Momente und manchmal wird dadurch ein Anstoß gegeben, um in 1:1-Begleitung Themen aufzulösen, die schon seit vielen Jahren festsitzen. Das verändert die Beziehung zu den Kindern, die Dynamik in der Partnerschaft und die Liebe zu sich selbst nachhaltig.
Außerdem ist mir ganz wichtig, dass die Frauen genug Raum für Austausch mit anderen Gleichgesinnten bekommen, damit sie sehen und spüren, dass sie mit ihren Hürden nicht alleine sind und wir einander Kraft und Mut geben können.
Welche Strategien oder Übungen haben sich als besonders hilfreich erwiesen?
SOS-Übungen, die in herausfordernden Situationen das Nervensystem beruhigen: Sie helfen, erstens emotional neutral gegenüber dem Kind oder dem/der Partner*in zu reagieren und zweitens aufkeimende belastende Gefühle immer früher wahrzunehmen und nicht den Autopiloten die Kontrolle übernehmen zu lassen.
Außerdem helfen Achtsamkeitsübungen, um sich mit der Zeit immer besser selbst zu spüren, die eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen und echte Auszeiten in den Alltag zu integrieren. Besonders beliebt sind da Mikro-Pausen, also Mini-Auszeiten über den Tag verteilt, um zwischendurch immer wieder ein bisschen den Akku aufzuladen.
Sehr hilfreich sind auch Übungen, um Gedankenkreisen zu stoppen und vor allem nachts wieder leichter einzuschlafen.
Fragen zur Selbstreflexion können richtige Game Changer sein und den Blick dort öffnen, wo festgefahrene Denkmuster hinderlich sind. Hier helfen vor allem Strategien, die die innere Haltung und das Mindset verändern und versteckte hinderliche Glaubenssätze entlarven. Dadurch schaffen wir mehr Leichtigkeit und echte mentale Entlastung.
Um mehr Energie im Alltag zu gewinnen, ist es für meine Kundinnen sehr nützlich, sich aufzuschreiben, was ihnen Kraft gibt und was ihnen Energie raubt. Und im zweiten Schritt zu überlegen, wie sie Energiediebe reduzieren und mehr von den Kraftquellen integrieren können.
Bei berufstätigen Frauen haben sich besonders Methoden bewährt, die ihnen zeigen, wie sie ihre Arbeitsweise gehirngerecht und effizienter gestalten können. Dadurch sind sie ausgeglichener, schonen ihre Ressourcen tagsüber und haben viel länger Energie und Kraft für sich und ihre Familie.
Gibt es etwas, das du betroffenen Müttern als ersten, konkreten Tipp für den Alltag mitgeben möchtest?
Mache ein Commitment dir selbst gegenüber: Ab jetzt will ich mir selbst viel wichtiger sein und mich und meine Bedürfnisse im Alltag mindestens 1x priorisieren. Dabei brauchst du nicht gleich große Schritte zu machen. Es braucht und soll keine radikale Veränderung sein. Fange ganz klein an, mit einem ersten, für dich machbaren Schritt, wie du dir kleine Auszeiten im Alltag selbst schenken kannst. Das kann schon so viel bewirken. Was könnte das für dich sein?
Zum Beispiel könntest du versuchen, morgens 3 Minuten vor allen anderen aufzustehen und diese Augenblicke nur für dich zu nutzen. Oder abends das Handy nicht mehr in die Hand zu nehmen und stattdessen ein paar ganz bewusste Minuten deiner Gesichtspflege zu widmen. Oder einen Tee zu trinken, ohne Reizeinfluss, einfach nur dasitzen und aus dem Fenster schauen.
Und wenn das zur Routine geworden ist und gut klappt, dann kannst du den zeitlichen Rahmen etwas erweitern oder einen zweiten kleinen Schritt für dich definieren.
Interview von Carina Gastelsberger
Quellen und Informationen:
© Foto: Barbara Rrahmani
Herz im Kopf – Website
Ana Klementovic – LinkedIn
Ana Klementovic – Instagram

Omas gegen Rechts
Tommy Hetzel