THE:Interview – “Die Arbeit auf der Wiesn hat mich verändert”
/in Blog /by The Sorority
“Die Arbeit auf der Wiesn hat mich verändert”
Marie Meier hat auf dem Oktoberfest die typischen Erfahrungen sexueller Belästigung gemacht. Wie geht es den Bedienungen, wenn diese intensiven Tage einige Zeit zurückliegen?
Was bleibt nach diesem Oktoberfest? So deutlich wie noch nie zuvor ist in diesem Jahr während des Oktoberfests auf sexuelle Übergriffe aufmerksam gemacht worden: 76 Prozent der Bedienungen gaben in einer Umfrage der Hochschule München an, während ihrer Einsätze schon sexuell belästigt worden zu sein. Um diese extremen Arbeitsumstände sichtbar zu machen, schlossen sich dieses Jahr einige Bedienungen zu Beginn der Wiesn zur Initiative „Bedienungen gegen rechts“ zusammen und positionierten sich öffentlich gegen Rassismus, Sexismus, menschenverachtendes Verhalten, Diskriminierung und Ausgrenzung.
Auch der Verband der Wiesnwirte schloss sich im Laufe des Oktoberfests dem Versprechen an, Sexismus und Rassismus in ihren Zelten nicht zu dulden. Hat diese Positionierung etwas verändert? Wir haben mit Marie Meier (22) gesprochen, die in Wahrheit anders heißt, und die seit vier Jahren auf dem Oktoberfest arbeitet.
THE:Sorority: 76 Prozent Ihrer Kolleginnen und Kollegen sagen, sie seien während der Arbeit schon belästigt worden. Haben Sie selbst auch schon derlei Situationen erlebt?
Marie Meier: Sexistische Erfahrungen mit Gästen mache ich auf der Wiesn täglich. Aus Richtung der Kollegen kommt natürlich auch was, wobei das nicht so schlimm ist. Der hauptsächliche Gefahrenpunkt auf der Wiesn sind mit Abstand die Gäste. Natürlich wird viel getrunken, das löst ein bisschen die Zunge, und dann hast du sie täglich, die sexistischen Witze.
Wie gehen Sie damit um?
Ich achte gar nicht mehr drauf, weil es so normal ist, was es natürlich nicht besser macht. Ich lächele relativ viele Sprüche weg und lasse viele Sachen nicht so an mich ran, was ich im Alltag außerhalb des Oktoberfests definitiv nicht so machen würde. Aber wenn ich jeden sexistischen Witz zu einer Nummer machen würde, würde ich nicht mehr zum Arbeiten kommen. Bei mir ist aber wirklich die Grenze erreicht, wenn es körperlich wird.
Haben Sie solche Erfahrungen auch schon machen müssen?
Das kommt immer wieder vor. Ich habe so zwei, drei Situationen erlebt, in denen ich angefasst wurde, da hatte ich Angst. Die waren auch wirklich kritisch. Auf meiner ersten Wiesn war das ganz schlimm. Wir hatten eine italienische Firma bei uns. Die Männer haben mich und meine Kollegin immer wieder betatscht, auch ins Dirndl rein, das war wirklich krass.
Wie ging es Ihnen dabei?
Wenn sowas passiert, ist man erstmal unter Schockstarre, weil man nicht fassen kann, dass Leute einem so nahekommen. Wenn man nicht in so einer Situation ist, denkt man sich: „Ich sag halt einfach: Oh mein Gott, verpiss dich!“.
In Wahrheit ist man in solchen Momenten aber einfach ganz still, weil man so geschockt ist. Weil man nicht fassen kann, was da gerade eigentlich passiert ist.
„Man weiß irgendwie, wie Männer sein können, wenn die keine Hemmungen mehr haben. Wenn die was getrunken haben.“
Hat Sie in der Situation jemand unterstützt?
In dem Moment hat die Security uns nicht so viel geholfen. Also sind wir zur Festzelt-Leitung. Die Italiener wurden daraufhin nicht mehr eingeladen. Die habe ich Gott sei Dank nie wieder gesehen.
An sich ist die Security schnell da und hilft, aber richtig oft hat man als Bedienung gar nicht die Zeit dafür, Hilfe zu holen. Es kann auch sein, dass die Security gerade irgendwo anders beschäftigt ist. Man ist schon auf sich selbst gestellt, in den meisten Fällen. Deswegen braucht man ein Team, das einfach hinter einem steht und ein bisschen mit aufpasst.
Ich weiß nicht, ob ich den Job machen würde, wenn ich das nicht hätte. Und dabei ist es sehr wichtig, dass im Team auch ein Mann ist. So traurig es klingt: Die Leute haben teilweise einfach keinen Respekt vor mir. Wenn mir dann eine andere Frau helfen würde, hätten die Männer vor ihr genauso wenig Respekt. Da muss schon ein anderer Mann kommen, bei dem die Gäste merken: „Hey, okay, der beschützt dich“.
“Man wehrt sich seltener, als man sollte, und das verkraftet man einfach nicht”
Welche Bilanz ziehen Sie aus dieser Wiesn? Hat sich etwas zum Besseren verändert, für die Frauen im Service?
Manche nehmen Frauen im Service halt nicht so ernst.
Ich habe schon manchmal das Gefühl, dass ältere Gäste mich als Bedienung nicht als ganz wahrnehmen, vor allem halt weil ich ein junges Mädchen bin. Das passiert schon häufig, dass sie mich so ein bisschen belächeln. Es gibt aber auch junge Männer, die einen behandeln, als wäre man Ware.
Wir unter Kolleginnen tauschen uns da auch drüber aus. Ich würde sagen, dass jede weibliche Bedienung schon sexuell belästigt wurde.
Haben diese Erfahrungen Sie verändert?
Ich merke, dass die Wiesn was mit mir macht. Seitdem bin ich, vor allem in Bezug auf Männer, vorsichtiger. Weil man viel erlebt in den 16 Tagen. Man weiß, wie Männer sein können, wenn die keine Hemmungen mehr haben. Wenn die was getrunken haben.
Ja, ich bin definitiv vorsichtiger geworden. Weil es schon ein paar Situationen gab, in denen ich dachte: Heute will ich nicht mehr allein nach Hause gehen. Und was seltsam nachwirkt: Man wehrt sich seltener, als man es tun sollte,und das verkraftet man in manchen Momenten einfach nicht.
Haben Ihre Erfahrungen auf der Wiesn verändert, wie Sie mit Männern im Alltag umgehen?
Ja, definitiv. Ich bin aufmerksamer geworden und meide laute, besoffene und große Männergruppen. Weil ich schon länger auf der Wiesn arbeite, kann ich mittlerweile auch besser einschätzen, wann Situationen so kritisch werden, dass man sie verlassen sollte.
Würden Sie wieder auf der Wiesn arbeiten?
Man macht natürlich diese negativen Erfahrungen. Aber trotzdem würde ich es jederzeit wieder machen, weil mich die Arbeit auf dem Oktoberfest auch zum Positiven verändert hat.
Was bedeutet es für Sie, dass die Wiesn-Wirte sich dem Appell der Bedienungen gegen rechts angeschlossen haben?
Ich finde es super, dass sich die Wiesn-Wirte den “Bedienungen gegen Rechts” angeschlossen haben. Ein Grund, warum ich auf der Wiesn arbeite, ist, dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam feiern, egal, welche Hautfarbe, welches Geschlecht oder welche soziale Schicht sie haben. Natürlich sind sexuelle Belästigungen ein großes Problem und ein Teil meiner Arbeit. Der andere Teil, und das ist auch das, was mir Spaß macht, sind die Begegnungen mit den Menschen, die man kennenlernt.
Interview von Katharina Lutz
Quellen und Informationen:


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