Impostor-Syndrom oder die Kunst des angeblichen Hochstapelns
/in Blog /by Claudia Schneider
Impostor-Syndrom oder die Kunst des angeblichen Hochstapelns
Seit Jahren arbeite ich (nicht nur, aber häufig) mit Texten. Ich schreibe sie, lese sie, korrigiere und redigiere sie. Ich baue sie um, streiche, verdichte, mache aus Fragmenten etwas Neues. Und trotzdem denke ich immer wieder: Ich kann das nicht richtig. Bald wird auffliegen, dass ich es eigentlich gar nicht kann.
Das ist auch der Grund, warum ihr diesen Text, den ich schon vor Langem begonnen habe, erst jetzt lest. Es fiel mir schwer, ihn fertigzustellen. Denn: Was weiß ich denn schon?
Mit Fug und Recht darf ich behaupten: Auf dem Gebiet des Impostor-Syndroms bin ich Expertin.
Menschen, die davon betroffen sind, leiden unter „leistungsbezogenen Selbstzweifeln“. Matura geschafft? – Wir hatten einfach eine gute Lerngruppe. Studium abgeschlossen? – Reines Glück mit den Professor:innen. Job bekommen? – Die brauchten wohl eine junge Frau im Team. Job behalten? – Ich verstehe bis heute nicht, warum sie nicht meine Kollegin genommen haben.
So oder so ähnlich klingen die inneren Erklärungsversuche von Menschen mit Impostor-Syndrom. Erfolge werden externalisiert, Zufällen zugeschrieben oder strukturellen Umständen. Nur nicht der eigenen Kompetenz.
Treffender als „Syndrom“ ist eigentlich der Begriff „Impostor-Phänomen“, meint Psychologin Mona Leonhard. Denn es geht nicht um eine Krankheit im pathologischen Sinne, sondern um eine verschobene Selbstwahrnehmung. Eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbild, die durch ein sogenanntes Betrugsempfinden geprägt ist: Früher oder später wird auffliegen, dass ich nichts kann.
Was folgt, ist oft ein paradoxes Muster. Aus Angst, den Erwartungen nicht zu genügen, können Höchstleistungen entstehen oder Vermeidungsstrategien. Bei vielen wächst das zu einem Perfektionismus heran, der zwanghaft werden kann, andere probieren gewisse Dinge gar nicht erst aus, um späteren Zweifeln oder Druck und dergleichen vorzubeugen. Gleichzeitig bleibt das Gefühl, Lob nicht verdient zu haben, wenn diese Leistungen auffallen. Diese Spirale kann in Erschöpfung münden – bis hin zu Burn-out oder Depression. Dass das Phänomen keine Krankheit ist, bedeutet nicht, dass seine Folgen harmlos wären.
Entdeckt wurde es bereits 1978, als die beiden US-amerikanischen Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beobachteten, dass selbst hochqualifizierte Akademikerinnen immer wieder überzeugt waren, ihre Abschlüsse nicht wirklich verdient zu haben. Die Annahme, es handle sich um ein typisches Symptom unserer Zeit, stimmt also nicht wirklich.
Und nein, anders als die Entdeckung vermuten lässt: Es gibt keine belegten Hinweise darauf, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer – auch wenn es manchmal so wirkt. Möglicherweise liegt das eher daran, dass Männern (unabhängig vom eigenen Geschlecht) häufig mehr zugetraut wird, als Frauen. Müsste aber eine gute Sache am Impostor Syndrom gefunden werden, es könnte genau dieser Punkt sein: Den Selbstzweifeln ist das Geschlecht völlig egal, es ist in diesem Sinne sogar demokratisch und lässt sich auch von Geld, Bildung und anderen Lebensbedingungen nicht einschüchtern „Es kann jede/n treffen“, um es überspitzt zu formulieren.
Was aber tun gegen das Gefühl des Hochstapelns?
Auf Karriereseiten finden sich Ratschläge wie diese:
- Rufen Sie sich Ihre Leistungen in Erinnerung.
- Teilen Sie anderen mit, wie Sie sich fühlen.
- Vergleichen Sie sich nicht mit anderen.
- Sprechen Sie offen über Ihre Erfolge.
Klingt vernünftig. Aber ist es auch praktikabel?
Sich die eigenen Leistungen ins Gedächtnis rufen – genau das ist ja das Problem: Das Erreichte fühlt sich nicht wie eine eigene Leistung an.
Über Unsicherheiten sprechen – aber mit wem? Im Arbeitskontext wird Selbstzweifel selten als Stärke gelesen.
Sich nicht vergleichen – in Zeiten von Reports, Social Media und Co., die auf Bewertung und Kennzahlen beruhen? Schwierig.
Und offen über Erfolge reden – ohne als überheblich zu gelten? Eine Gratwanderung- vor allem als FLINTA Person.
Vielleicht liegt die Lösung weniger in Regeln als in einem Perspektivwechsel. Ein gewisses Maß an Selbstkritik mag sogar hilfreich sein. Es schützt davor, sich maßlos zu überschätzen. Problematisch wird es erst, wenn der Zweifel nicht mehr korrigierend wirkt, sondern lähmend.
Vielleicht geht es also nicht darum, die Selbstzweifel vollständig zu überwinden, sondern sich von Ihnen nicht lenken zu lassen, sie wenn möglich mit anderen zu teilen und ihnen so die Macht zu nehmen.
Und vielleicht hilft es, häufiger ehrlich gemeintes Lob auszusprechen, und natürlich auch zu hören. Also sagt ruhig den Menschen in eurem Umfeld, wenn ihr findet sie machen etwas toll. Hört einander zu und unterstützt euch statt im eigenen Süppchen zu kochen. Ich – zumindest für meinen Teil versuche das.
geschrieben von Claudia Schneider

Tommy Hetzel
Bettina Frenzel
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