Feminismus als Auftrag – Ein Blick in die Praxis der österreichischen Frauenberatungsstellen
/in Blog /by The Sorority
© Portrait von Bettina Frenzel: Sophie Hansal
„Der 8. März ist ein Tag der Sichtbarkeit – aber Strukturen brauchen wir das ganze Jahr.“
Sophie Hansal ist Geschäftsleiterin des DFMB – Dachverbands Frauen- & Mädchenberatung (eh. Netzwerk österr. Frauen- und Mädchenberatungsstellen). Der DFMB hat 66 Mitgliedseinrichtungen in ganz Österreich. Frauen- und Mädchenberatungsstellen beraten und begleiten jedes Jahr mehr als 120.000 Klient:innen.
Der 8. März ist ein internationaler Aktionstag. Wenn du an deine Arbeit und die vielen Frauen denkst, deren Geschichten dir begegnen: Welche Bedeutung bekommt dieser Tag für dich?
Der 8. März ist für mich ein Tag, an dem es um Sichtbarmachung geht: Wir sollten dabei die vielen Erfolge feiern, die feministische Bewegungen gebracht haben. Aber wir müssen auch auf bestehende Ungerechtigkeiten hinweisen: Der Gender Pay Gap liegt bei 18%. Jede dritte Frau hat in ihrem Leben Gewalterfahrungen gemacht. Reproduktive Rechte sind immer noch nicht abgesichert. In den Frauen- und Mädchenberatungsstellen sehen wir, was diese Statistiken in der Realität bedeuten: In den Beratungsstellen sehen wir täglich Geschichten von Resilienz, aber auch von strukturellen Barrieren: von Alleinerziehenden, die von Care-Arbeit überlastet sind und gleichzeitig in prekären Beschäftigungsverhältnissen, von jungen Frauen, die sich gegen sexualisierte Gewalt behaupten müssen, oder von Migrantinnen, deren Qualifikationen nicht anerkannt werden. In den Beratungsstellen ist intersektionaler Feminismus kein abstraktes Konzept, sondern gelebte Realität.
Rund um diesen Tag wird viel gesprochen, gefeiert und diskutiert. Was wird rund um den 8. März aus deiner Sicht oft betont und was gerät dabei zu leicht in den Hintergrund?
Rund um den 8. März hört man immer wieder die Floskel, dass wir „starke Frauen/Frauenpower“ feiern sollen. Und auch wenn ich finde, dass wir ruhig öfters coole FLINTA Personen vor den Vorhang holen sollten, wird dadurch das Thema Gleichberechtigung individualisiert. Es sind Strukturen, die diskriminierend wirken. Deshalb braucht es strukturelle Veränderungen und nicht mehr Anstrengungen Einzelner.
Viele dieser Themen begleiten uns nicht erst seit Kurzem. Gibt es Themen, die euch immer wieder begegnen, bei denen du merkst: Hier hat sich strukturell seit Jahren kaum etwas verändert?
Leider betrifft das viele Themen der feministischen Bewegung. Wir machen Fortschritte, aber es geht alles (viel zu) langsam. Wenn ich dann Zahlen lese, wie die aus dem Global Gender Gap Report 2024, dass wir Gleichberechtigung erst in 134 Jahren erreichen, dann werde ich richtig wütend. Gerade sehen wir ja auch eher Rückschritte als Fortschritte. Umso wichtiger sind starke feministische Bündnisse, die dagegen anhalten und wieder Kraft geben.
Um diese strukturellen Fragen greifbarer zu machen, lohnt sich der Blick in die konkrete Arbeit. Wenn du auf die aktuelle Beratungspraxis blickst: Mit welchen Anliegen kommen Frauen derzeit am häufigsten in die Frauen- und Mädchenberatungsstellen?
Das lässt sich gar nicht so leicht festmachen, weil die Anliegen und Probleme, mit denen Frauen und Mädchen in die Beratungsstellen kommen, so individuell sind, wie sie selbst. Grundsätzlich gibt es aber drei große Themenbereiche, die in der Beratung am häufigsten vorkommen: 1) Fragen rund um Arbeit und Job, 2) Fragen zu Beziehung und Trennung und 3) Gewalterfahrungen.
Diese einzelnen Anliegen ergeben zusammengenommen ein sehr klares Gesamtbild. Was sagen diese Erfahrungen aus der Beratung über die Lebensrealitäten von Frauen in Österreich aus, insbesondere in Bezug auf Arbeit, finanzielle Sicherheit und Care-Verantwortung?
Dass wir Aktionstage wie den 8. März, Initiativen wie den Frauen*Streik, die 16 Tage gegen Gewalt etc. noch lang brauchen. Es ist wichtig, dass wir aus feministischer Perspektive immer wieder auf Ungerechtigkeiten hinweisen und auf unsere Vision für eine gerechte Gesellschaft.
„Es braucht strukturelle Veränderungen und nicht mehr Anstrengungen Einzelner.“
Seit rund 30 Jahren arbeiten im Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen sehr unterschiedliche Beratungsstellen zusammen. Warum ist diese gemeinsame Arbeit aus deiner Sicht so wichtig?
1995 haben sich 27 Beratungsstellen zusammengeschlossen. Mittlerweile sind wir ein Dachverband von 66 Frauen- und Mädchenberatungsstellen. Dass es uns gibt, ist aus mehreren Gründen wichtig: Die einzelnen Beratungsstellen stehen in engem Austausch und lernen viel voneinander und entwickeln die Angebote laufend so weiter, dass sie für die Zielgruppe passend sind. Gleichzeitig wissen die Kolleg*innen aus der Beratungspraxis, was die Themen sind, die Frauen, Mädchen und andere marginalisierte Geschlechter beschäftigen. So können sie auch in der Öffentlichkeit für die Anliegen der Personen eintreten, die in die Beratungsstellen kommen. Gemeinsam können wir strukturelle Missstände besser benennen und so auch Druck auf Politik und Gesellschaft ausüben.
Gerade bei komplexen Problemlagen zeigt sich der Wert von Zusammenarbeit.
Was wird durch diese Vernetzung möglich, das einzelne Beratungsstellen allein oft nicht leisten könnten?
Wir sind innerhalb unseres Dachverbands gut vernetzt. Frauen- und Mädchenberatungsstellen arbeiten aber auch mit anderen (regionalen) Organisationen und Beratungsstellen eng zusammen. Diese Vernetzung sorgt für eine gute Weitervermittlung und Wissenstransfer – gerade bei komplexeren Fragen. Damit stellen wir sicher, dass Mädchen und Frauen genau die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.
Wenn du auf deine bisherige Arbeit zurückblickst: Was hast du über wirksame Unterstützung für Frauen gelernt und was braucht es dafür auf struktureller Ebene?
Wichtig ist, dass Angebote möglichst leicht zugänglich sind und natürlich, dass Frauen und Mädchen wissen, dass es in Österreich wirklich viele Organisationen gibt, die in herausfordernden Situationen Unterstützung bieten. In der Praxis sehen wir immer wieder, dass Frauen und Mädchen sehr lange warten, bis sie in eine Beratungsstelle kommen. Wir würden uns wünschen, dass es selbstverständlicher wird sich auch mit kleineren Problemen frühzeitig Unterstützung zu holen. Sich in schwierigen Situationen Hilfe zu holen, ist ein Zeichen von Stärke!
Auf struktureller Ebene braucht es politischen Willen und Unterstützung dieser wichtigen Arbeit. Die Frauen- und Mädchenberatungsstellen müssen beispielsweise endlich langfristig finanziell abgesichert werden. Nur so kann Beratung weiterhin flächendeckend in ganz Österreich und vor allem kostenfrei für Frauen und Mädchen angeboten werden.
Wenn du auf deinen beruflichen Weg blickst: Wie bist du Schritt für Schritt dorthin gekommen, wo du heute stehst, und was hat dich motiviert, dich so konsequent für Frauen*arbeit einzusetzen?
Ich habe mich im Studium begonnen mehr mit Feminismus auseinanderzusetzen. Wenn man einmal einen Blick für Ungerechtigkeiten bekommen hat, dann ist es schwierig wegzusehen.
Wenn wir zum Abschluss noch einmal auf eure Arbeit als Netzwerk blicken: Welche Rolle wird das Netzwerk der Frauen- und Mädchenberatungsstellen deiner Einschätzung nach in den kommenden Jahren spielen – und was braucht es, damit diese Arbeit weiterhin wirksam bleiben kann?
Als Dachverband Frauen- und Mädchenberatung treten wir weiterhin für eine gerechte, demokratische Gesellschaft ein, in der alle Menschen selbstbestimmt und frei von Gewalt leben können. Wir werden weiterhin feministische Forderungen in die Gesellschaft und Politik tragen und Strukturen schaffen, die Gewalt präventiv bekämpfen und Betroffene stärken.
Auch wenn die aktuelle Weltlage manchmal entmutigend wirkt, dürfen wir diese Vision nicht verlieren.
In den kommenden Jahren wird es darauf ankommen, Räume für Solidarität und Vernetzung zu stärken, auch um gemeinsam gegen Angriffe auf unabhängige NGOs vorzugehen. Auch in Österreich beobachten wir, dass die Arbeit zivilgesellschaftlicher NGOs immer öfter in Frage gestellt wird. Das gefährdet nicht nur unsere Arbeit, sondern ist auch gefährlich für unsere Demokratie. Zivilgesellschaftliche Organisationen stärken die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen. Das ist auch aus demokratiepolitischer Sicht ganz wichtig.
Wir müssen dabei intersektionale Perspektiven konsequent mitdenken: Die Bedarfe von Frauen und Mädchen sind vielfältig. Das muss sich in einer Vielfalt der Angebote spiegeln. Wir müssen sicherstellen, dass diese niederschwellig, diskriminierungssensibel und barrierefrei sind.
Für all das braucht es eine finanzielle Absicherung der Arbeit von Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Ohne langfristige Förderung und klare politische Rückendeckung können Beratungsstellen ihre Angebote nicht aufrechterhalten – geschweige denn ausbauen.
Der 8. März endet gesellschaftliche Verantwortung nicht: Welche Haltung wünschst du dir, dass Menschen vom 8. März mitnehmen – für ihren Alltag, ihr Handeln und ihre Entscheidungen?
Ich wünsche mir, dass wir nicht nur am 8. März gemeinsam laut für Geschlechtergerechtigkeit auftreten. Feministische Solidarität heißt für mich z.B. hinzuschauen, wenn eine Freundin überlastet ist, zuzuhören, wenn eine Kollegin von Diskriminierung berichtet und zu handeln, indem wir Ungerechtigkeiten benennen, und verkrustete Strukturen aufbrechen. Informiert euch, engagiert euch in feministischen Bündnissen und unterstützt Organisationen und Initiativen, die sich für Feminismus einsetzen!
Interview von Evin Ersen

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