Rezension

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© Christoph Liebentritt, Quelle: https://www.burgtheater.at/produktionen/die-vegetarierin

Aktuell wird das Stück „Die Vegetarierin“, basierend auf dem Bestsellerroman der südkoreanischen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang, im Burgtheater aufgeführt (nächste Vorstellung: 14. März). Die Geschichte thematisiert neben dem Patriarchat und (Selbst-)Kontrolle vor allem eins: weiblichen Widerstand.

Eine Frau hört auf, Fleisch zu essen

Die Protagonistin Yong-Hye lebt als Hausfrau an der Seite ihres Ehemannes ein „ganz gewöhnliches Leben“. Nachdem sie eines Nachts ein Traum überkommt, verwandelt sie sich in eine Vegetarierin und entfernt alle tierischen Produkte aus dem Haus. Weder ihr Ehemann noch ihre Familie können ihr Verhalten nachvollziehen und reagieren mit Unverständnis sowie Wut. Vegetarismus zählt in der strengen Kultur Südkoreas als Umsturz, und so ist dies der erste Akt des kontinuierlichen Widerstands Yong-Hyes gegenüber dem System, das sie sowohl unterdrückt als auch umgibt. Vermehrt kommt es, teils zu gewaltvollem, Zerwürfnis mit ihrer Familie, der sie sich immer stärker entfremdet. Ihre Verbindung zur Natur wächst und damit ihr Wunsch, mit ihr zu verschmelzen und ein Baum zu werden, während sie sich den ihr umgebenen sozialen Normen immer mehr entzieht.

Das Theaterstück irritiert, strengt an, zeigt auf. Die Regisseurin Marie Schleef hat ihre ganz eigene Art, die Handlung zum Leben zu erwecken. Sie bedient sich auch technischer Hilfsmittel anhand von Kurzfilmen, Lichteffekten und Bildschirmpräsenz im Hintergrund des Geschehens. Die Zuschauer:innen verfolgen das Schicksal der Protagonistin, mal voller Empathie, mal voller Unverständnis. Dabei geht es um wesentlich mehr als eine Frau, die sich dazu entscheidet, keine tierischen Produkte mehr zu essen.

Eine Frau, die sich verweigert

Es geht um eine Frau, die sich weigert, ihre gesellschaftlichen Rollen als „gute“ Ehefrau, Schwester und Frau in der Gesellschaft einzunehmen. Yong-Hye lebte bisher als eine folgsame und fügende Frau. Ihr starker Widerstand irritiert ihre Mitmenschen und hinterfragt die gegebenen Strukturen. Dabei ist es ihr Ziel, sich von eben diesen gesellschaftlichen Strukturen zu befreien.

Verweigerung ist ein Statement. Es ist eine Art von Widerstand. Die Protagonistin spielt die gegebenen Spielregeln nicht mehr mit. Während sie das System ablehnt, fordert sie auch ihr Umfeld heraus, es zu hinterfragen. Der Grund, weshalb Yong-Hye jedoch Vegetarierin wird, bleibt uns vorbehalten. Somit behandelt das Stück bzw. der Roman nicht nur weiblichen Widerstand, sondern den Effekt des Unerklärlichen, und was das mit uns Menschen macht. Es treten die unterschiedlichsten Gefühle hervor: Ekel, Abscheu, Faszination oder Unsicherheit, da ihr Verhalten eigene Makel aufzeigt (Quelle: Standard).

Frauen im Widerstand

Das Patriarchat existiert nicht erst seit gestern, und seitdem wir Geschichte aufzeichnen, kennen wir Erzählungen von Frauen, die sich widersetzt haben. Sei es bezüglich Gleichberechtigung, anderer politische Themen oder allgemeine Gerechtigkeit. Dabei wird dieser Widerstand, im Gegensatz zu männlichem Widerstand, oft verharmlost und weniger ernst genommen. Dieses Phänomen konnte man zum Beispiel während des Zweiten Weltkriegs beobachten, in dem Frauen erfolgreiche Spioninnen und Widerstandskämpferinnen wurden, auch weil man sie stets unterschätzt hat (Quelle: Haus der Geschichte Österreich). Anhand „Die Vegetarierin“ merken wir, dass weiblicher Widerstand oft erst beachtet wird, wenn er radikal ist und tägliche Abläufe nicht mehr ermöglicht. Um Frauenrechte durchzusetzen, hat es historisch betrachtet schon immer Extreme gebraucht. Ob nun die Suffragetten, die ihre Familien und Kinder zurücklassen mussten, oder der isländische Frauenstreik, an dem Frauen einen Tag lang all ihre (Care-) Arbeit niederlegten – und damit das Land lahmlegten. Erinnern wir uns also zum feministischen Kampftag am 8. März an die Wichtigkeit und Auswirkung weiblichen Widerstands, und wie essentiell die Wut über (geschlechtliche) Ungerechtigkeiten bleibt. Lasst uns dieser Wut weiterhin Raum geben, sei es mit extremen Verhalten wie das von Yong-Hye, oder Widerstand im Kleinen wie zum Beispiel durch Mikrofeminismus. Rechte und Respekt wurde uns Frauen noch nie geschenkt – und so müssen wir weiterhin täglich, kontinuierlich, unermüdlich dafür kämpfen. Der Weg ins Theater, der Griff zu einem Buch oder die Verbindung mit anderen Frauen wie bei The:Sorority kann dabei der erste Schritt sein.



geschrieben von Kerstin Kraus 

 

Quellen und Informationen: 

© Foto: Christoph Liebentritt
© Foto: Tommy Hetzel

Burgtheater– Die Vegetarierin