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Klassismus – Nachbericht zur dritten Sorority Online-Diskussion

von Lene Kieberl

Spielen heute – in Zeiten der Globalisierung, des freien Personen- und Güterverkehrs und des Hoffnungsträgers Internet – soziale und ökonomische Herkunft, Hautfarbe oder Geschlecht wirklich noch eine so große Rolle? Die Sorority meint: Ja!

Denn in Österreich haben vor allem Frauen*, Schwarze und Menschen der LGTBQ+-Bewegung keine unbeschränkten Aufstiegschancen, höhere Bildung hin oder her.

Schon sind wir mitten in der Online-Diskussion zum Thema Klassismus, die Sorority mit Brigitte Theissl (an.schläge) und Mercan Sümbültepe (Sorority) am virtuellen Podium abhielt.

Aber was ist Klassismus überhaupt genau?

Eine von vielen Diskriminierungs- und damit Ausgrenzungsformen, analog und mit vielen Verschränkungen und Überschneidungen zu Sexismus, Rassismus unter anderem. Es geht um Ausgrenzung aufgrund der Zugehörigkeit zu anderen, hierarchisch betrachteten sozialen Schichten. In Österreich wurde der Begriff zwar seit den 80ern wohl in feministisch-theoretischen Kreisen verwendet, schaffte es aber nicht so recht in den Mainstream. Er war vermutlich zu stark marxistisch belegt, angesichts der Tendenz zur Individualisierung und in einer kapitalistischen Marktwirtschaft.

Betroffen von Klassismus sind besonders jene Menschen, die den „unteren“ Schichten zugeordnet werden bzw. die armutsgefährdet sind. Das sind z.B. Alleinerziehende, Arbeiter*innen, Arbeitslose, Wohnungslose, aber auch Menschen mit Behinderungen kämpfen mit diesem strukturellen Problem.

Klassizismus ist übrigens nicht gleich Klassismus 😉

… schmunzelt Brigitte Theissl. Aber Menschen, die die Kunstströmung des Klassizismus richtig einordnen können, sind im Zuge ihrer Ausbildung im Lande Österreich ziemlich sicher auf die „Sonnenseite“ des Bildungssystem gefallen.

Österreich ist nämlich das Land der vererbten (Aus)Bildung – und bleibt es wohl auch in absehbarer Zeit. Dieser Umstand macht sich in einer großen Schere von arm und reich bemerkbar. Schuld daran ist, so Theissl, vor allem das Fehlen einer Gesamtschule. Damit einher geht eine sehr frühe Trennung von Schüler*innen in mehr oder minder prestigeträchtige Schularten. Diese frühe Selektion – in Städten noch viel stärker als am Land – sorgt dafür, dass das Bildungsniveau der Eltern und deren Möglichkeit, ihre Kinder auf dem Bildungsweg zu unterstützen, viel zu großes Gewicht hat.

Die x-fache Belastung: Migrant*in und „Arbeiterkind“

Die Kinder von Arbeiter*innen mit geringer formaler Bildung stehen somit oft nicht gut da. Noch viel stärker trifft das aber auf jene zu, die über einen Migrationshintergrund verfügen. In Österreich haben Menschen mit dieser Kombination nach wie vor die schlechtesten Karten – auch aufgrund einer unterschiedlichen Wertung von bestimmten Erstsprachen, die gesellschaftlich weniger hoch angesehen scheinen als beispielsweise Englisch oder Französisch.

Sprache ist nicht gleich Sprache?

Werden diese z.B. oft als „Asset“ fürs Berufsleben gelobt und gepflegt, wird der Pflege von Erstsprachen wie beispielsweise Türkisch oder BKS leider noch oft mit Vorbehalten begegnet: argumentiert wird dabei oft mit der Notwendigkeit von „Integration“.

Verschränkungen von Klassismus mit anderen Diskriminierungsformen sind sehr häufig – denn Menschen mit einer anderen Erstsprache als Deutsch kommen ohne entsprechende Förderung oft im Bildungssystem nicht gleich gut voran und sind somit dauerhaft sozial benachteiligt

Unterschiedliches Kapital

Brigitte Theissl betont: Es muss nicht unbedingt finanzielles Kapital sein, das uns vor Ausgrenzung bewahrt oder den sozialen Aufstieg erleichtert. Selbstverständlich zählen dabei auch Kulturelles oder Soziales Kapital. Auf welche Netzwerke kann ich mich verlassen, welche Kommunikationskanäle kann ich nutzen? Wo bewege ich mich mit gewisser Selbstverständlichkeit, wo bin ich eingeschränkt? Diese Aspekte können eine Durchlässigkeit zwischen sozialen Schichten erklären.

Was also tun?

Theissl nennt an erster Stelle die Gesamtschule als Gegenmittel zur Selektion – diese ist politisch aber in weiter Ferne. Projekte und Förderinitiativen können helfen: an Schulen wie auch an Unis, wo sie aber meist schon viel zu spät ansetzen, um den angerichteten Schaden aufzufangen.

Sprache schafft Bewusstsein. Daher ist die eigene Sprache – wie immer – auch hier nicht zu vernachlässigen: All zu leicht tappen wir in die Falle, Benachteiligte als Opfer zu behandeln und von oben herab mit „leichter Sprache“ zu adressieren. Es lohnt sich ein Blick auf eigene Vorurteile.

Wer ist hier „bildungsfern“?

Menschen können sehr belesen und damit gebildet sein, ohne studiert zu haben. Der inklusivere und weniger wertende Begriff wäre also eher, jemanden als „ohne formale Bildung“ zu bezeichnen, meint Theissl. Inzwischen gibt es dazu bereits sensibilisierende Lehrendenfortbildungen. Auch die Armutskonferenz bietet einen Leitfaden für jene, die beschränkende Zuschreibungen nicht sprachlich zementieren möchten.

Was hat das Ganze mit Feminismus zu tun?

Wer als Ziel des Feminismus das „gute Leben für alle“ definiert, muss Klassismus berücksichtigen, um dieses Ziel zu erreichen.

Leichter gesagt als getan, denn auch die Sorority ist eine verhältnismäßig homogene Gruppe – auch wenn sie sich um Kontakt zu möglichst diversen Frauen* bemüht. Wie also herauskommen aus der “Bildungsbubble”?

Ein wichtiges Ziel wäre, so Theissl, Gruppen in jeder Hinsicht weniger homogen zu halten. Denn Gruppen reproduzieren meist die Haltungen ihrer Mitglieder. Warum sollten sich andere davon also angesprochen fühlen? Die Journalistin empfiehlt zudem, an bestehende Initiativen anzuknüpfen und nicht das Rad neu erfinden zu wollen.

Und was kann ich tun…?

Ausgrenzung geschieht oft auch unbewusst oder ungewollt. Setz dich mit deinem Sprachgebrauch und deinen Vorstellungen auseinander und komm ins Gespräch, schalte dich ein!

Wie das genau gehen soll? Mögliche Antworten darauf – ebenso wie auf die Fragen, ob es überhaupt noch Klassen in Österreich gibt, ob das Bedingungslose Grundeinkommen wünschenswert ist und warum (nicht) – findest du in der Aufzeichnung der Online-Diskussion!

Hier nachschauen und am besten: gleich abonnieren!

Alle weiteren Veranstaltungen findest du auf der Website
http://www.sorority.at