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Buchrezension: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten [Alice Hasters]

Zum Einstieg

Vorab drei Dinge:

1) Schwarz und Weiß sind in der Farbenlehre Nichtfarben & ich hoffe, wir steuern darauf zu, dass eine Generation nach uns einmal ihr Gegenüber anblickt ohne Farben zu sehen. Auf dem Weg dahin soll Rassismus immer übersehbarer werden, deshalb bekommt das Wort in meinem Text so wenig Platz wie möglich: „r“ steht hier für Rassismus.

2) Wichtigste Erkenntnis nach Lesen dieses Buchs: Ich bin keine Rassistin, aber dann und wann rassistisch gewesen.

3) Es wird ausführlich.

„Sich mit der eigenen Identität und Rassismus auseinanderzusetzen ist viel Arbeit, teilweise schmerzhaft und braucht Zeit.“

So endet Alice Haruko Hasters ihr Buch mit dem (dahingehend?) ebenfalls langen Titel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen – aber wissen sollten“ und ich beginne meine Rezension damit, um gegen Ende noch zu erwähnen, warum frau es trotzdem tun sollte. Diese Review entstand aus dem Wunsch, mehr Menschen einen Zugang zum Blickwinkel von Nichtweißen zu ermöglichen. Das Hörbuch habe ich beim großen schwarzgrünen Streamingdienst gehört, wo die Autorin selbst liest. Ihre Stimme und Vortragsweise empfand ich sehr angenehm. Sie hat ein Händchen fürs Schreiben und ich habe die Lektüre genossen. Es hat dennoch einige Wochen gedauert, bis ich das Werk durchhatte, weil ich immer wieder pausiert habe, um über das Gehörte nachzudenken.

„Selten fühlen sich weiße Menschen so angegriffen, allein und missverstanden, wie dann, wenn man sie oder ihre Handlungen rassistisch nennt. Das Wort »Rassismus« wirkt wie eine Gießkanne voller Scham, ausgekippt über die Benannten. Weil die Scham so groß ist, geht es im Anschluss selten um den Rassismus an sich, sondern darum, dass ich jemandem Rassismus unterstelle.“

r gegenüber Weißen?

Ich wollte erst verteidigend schreiben, dass es r gegenüber Weißen sehr wohl gibt – höchstselten, freilich. Aber, wer sich die Geschichte von r objektiv vor Augen führt, wird feststellen, dass diese Sicht einer Überprüfung der Tatsachen einfach nicht standhält. Die Journalistin hat in ihrem Buch viele historische Belege dafür zusammengetragen und häuft sie für Zweifler*innen zu einem unübersehbaren – aber nicht unüberwindbaren – Berg auf.

„Viele Menschen gehen davon aus, dass grundsätzlich jede Person von Rassismus betroffen sein könnte. Diese Menschen sehen Rassismus als rein individuelle Haltung. Wie ein einzelner Mensch die Welt für sich ordnet, hat erst einmal wenig Konsequenzen. Doch Rassismus ist ein System, das mit der Absicht entstanden ist, eine bestimmte Weltordnung herzustellen. Es wurde über Jahrhunderte aufgebaut und ist mächtig. Darin wurde die Hierarchie rassifizierter Gruppen festgeschrieben, und die lautet ganz grob so: Weiße ganz oben, Schwarze ganz unten.“

Wie es mir bei der Lektüre ging

Wiederholt musste ich mir bewusst machen, dass ich als Weiße kaum in der Lage bin, mir den Alltag eines schwarzen Menschen wirklich vor Augen zu führen, weil es trotz all meiner (r)Erfahrungen nicht meine Realität ist. Bei den ersten Kapiteln hab ich mich noch öfter dabei ertappt, kritisch in den „Verteidigungsmodus“ zu schlittern. So etwa, wenn Alice Hasters im Kapitel Haare beanstandet, dass immer wieder Leute sie nicht nur auf ihr tolles Kopfhaar ansprechen, sondern ihr gleich ungeniert in ebendieses greifen – als wäre es ihr gottgegebenes Recht. Später habe ich meinen ‚verständnisvollen‘ Standpunkt reflektiert, ergänzt und verschoben. Wenn mir Wildfremde einfach so in meine Haare greifen – ganz egal wie außergewöhnlich sie sind – ist meine Wohlfühlgrenze definitiv weit überschritten. Aber auch, als die Verfasserin sehr früh im Buch festhält, die Länder Afrikas seien heute größtenteils arm, weil sie immer noch an den Folgen der Ausbeutung während der Kolonialzeit leiden, bemerkte ich wie sich der zentraleuropäisch-geschichtsgebildete Teil in mir aufbäumte. Weißt du wie viele Millionen Kongoles*innen unter der belgischen Besatzung (nach der Afrika-Konferenz 1884/85 in Berlin) gefoltert und getötet wurden?

„Ein Diskurs über Rassismus lohnt sich nicht, wenn Menschen nur das Ziel haben, ihren eigenen Hintern vor Vorwürfen zu retten. […] Das kann hier und da unbequem werden, und es ist normal, dass wir empfindlich auf Rassismusvorwürfe reagieren. Aber wir sollten lernen, das auszuhalten. Gerade weiße Menschen brauchen da mehr Rückgrat.“

#truethat

Im Kapitel Liebe spricht Alice Hasters über die Beziehung zu einem weißen significant other. Das Kapitel ließ mich (ich habe doch selbst eine mixed Beziehung hinter mir! Wie kann das sein?;) am meisten aufhorchen – so viel Neues. #goread #thankmelater

Black or brown – Farbig oder Schwarz? [Kritik]

Einen Kritikpunkt möchte ich zu Begrifflichkeiten anführen. Hier finde ich, dass die Autorin allzu hart mit der Gesellschaft ins Gericht geht.
Der Terminus „Farbige“ ist heute nicht -mehr- ok und wird gern mit POC [people of color] ersetzt. Ist das unterm linguistischen Strich nicht das Gleiche? Nein. Warum? Das was einen Menschen ausmacht, ist nicht dessen Hautfarbe oder seine Behinderung. Darum ist „Mensch mit Behinderung“ der Bezeichnung „Behinderte*r“ immer vorzuziehen, selbes gilt für Zuschreibungen der Hautfarbe; darum ist die Benennung „POC“, bei welcher der Mensch an erster Stelle steht, weitaus respektvoller.

Es ist allerdings so, dass „Farbige“ lange als ‚gut-ok-besser‘ galt. Die 1989 geborene Verfasserin meint selbst – vermutlich unbeabsichtigter Weise, im Buchteil Ich wäre auch gerne Schwarz: „Wir [Teenies] schrieben uns ‚brown is beautiful‘ in unsere Freundschaftsbücher“. Viele Menschen wollen es richtig machen, ihnen fehlt jedoch die Info, dass die nun – politisch – korrekten Begrifflichkeiten sich mit der Zeit geändert haben. Sie sind nicht up to date. Anstatt hier zu verurteilen, bringt ein freundlicher Hinweis an der richtigen Stelle (persönliches Gespräch, urgieren bei Meinungsmacher*innen: Medien,…) sicher mehr. Ich kenne nicht wenige Menschen, die glauben, „Schwarze*r“ wäre nicht ok.

Von daher: Nachsicht walten lassen mit denen, die versuchen mit(den Begrifflichkeiten)zukommen! Und nur mit denen.

Eine zweite Kritik noch, die ins Neutrale über- und dann ins Positive geht. „Meine Expertise rührt in erster Linie aus meiner Existenz als Schwarze Frau. Ich erzähle von Rassismus der mir in meinem Leben begegnet ist.“ sagt Alice Hasters zu Anfang. Der persönliche Familienkram ist vielleicht etwas überstrapaziert worden. Einige der in den Kapiteln Großeltern (entbehrlicher Abschnitt: Die nur kurz angerissene Nazivergangenheit in ihrer Familie scheint etwas zu konstruiert, als dass sie für das Buch tatsächlich Relevanz hätte) sowie Onkel und Cousinen beschriebenen Begebenheiten hätte frau vom Aufbau her auch anders unterbringen können, während das meiste hier gefühlt sehr persönlich-relevant ist.

Ghetto-Blaster und Wut verstehen

Eine wichtige Realität, die die Autorin im Teil über ihr Austauschjahr in Philadelphia erläutert, ist das Ghetto-Blaster (schon mal darüber nachgedacht, warum die so heißen?) auf die Veranda stellen, um dem Elend entgegenzubrüllen.

„Aber niemand interessiert sich für die Orte aus denen sie stammen, niemand scheint eine Sensibilität dafür zu haben, dass diese Orte das Ergebnis von jahrhundertelangem Rassismus sind. Wenn es diese Sensibilität gäbe, würden wir nicht mehr darüber diskutieren, ob es für nichtSchwarze Menschen ok ist, das N-Wort mitzurappen. Diese Leute hören die Musik, aber sie hören nicht zu.“

Alice Hasters spricht in Wütende, Schwarze Frauen* auch das „Komm mal runter“-Thema an. Delegitimierung von, durch Diskriminierung ausgelöster, Wut ist fehl am Platz. Wer hinsieht, versteht: diese ist nachvollziehbar und verständlich. Plünderungen und Verwüstungen, wie sie jetzt ein paar Mal in den USA vorkamen, sind als Manifestierung von jahrzehnter/jahrhundertelanger Unterdrückung zu sehen. Vor allem wenn frau die Theorie in Betracht zieht, dass Traumata DNS verändern und so an kommende Generationen weitergegeben werden können. Es ist also wichtig, darüber zu reden.

Aber vielleicht bringen die momentan globalen Proteste endlich die Wende zu mehr Gerechtigkeit und Normalität, wie wir Weiße sie von klein an kennen und voraussetzen dürfen #itsabouttime

Aus dem feministischen Blickwinkel

Für dich (als Feminist*in) ist das Buch vermutlich aus dem genau richtigen Augenwinkel einer Frau* geschrieben, die größtenteils ihren Alltag beschreibt. So greift sie auch das Thema Intersektionalität [Mehrfachdiskriminierung] auf und unterstreicht hier, dass es Frauen* meist noch ein bisschen schwerer haben.

„Vor allem von Männern* hörte ich absurde Vorstellungen davon, wie eine sportliche Frau* auszusehen habe: schlank solle man sein, aber bitte nicht die Kurven abtrainieren! Wäre ja eine Tragödie, wenn vom ganzen Sport Brüste und Hintern schrumpfen würden. Ein flacher Bauch ist superwichtig, aber eine Frau* mit Sixpack? Super übertrieben.“

Schwarze Frauen* und Babys sterben in den USA – auch in derselben Einkommensschicht mit Weißen – häufiger, weil sie und ihre Schmerzen medizinisch nicht in gleichem Maße ernst genommen werden, dem zugrunde liegt das althergebrachte Vorurteil ‚wilde/starke Schwarze Frau‘. Im Kapitel Anziehung setzt sich die Autorin u.a. mit Dating Apps und den erschreckenden Kategorisierungen dort auseinander, laut ihr gibt es eigentlich nur blond-brünett-exotisch. Sie zitiert eine Nutzer*innenuntersuchung aus den Jahren 2009-2014, die resümierte, dass schwarze Frauen* am negativsten bewertet wurden (so wie asiatische Männer*). Alice Hasters regt ihre Leser*innen dazu an, darüber nachzudenken, falls deren bisherigen Partner*innen ausschließlich weiß/oder eben nicht waren, sich doch mal zu fragen: Warum? Hier möchte ich einwenden, dass die in Köln aufgewachsene Wahlberlinerin die Dinge mit einem sehr großstädtischen Blick betrachtet. Ich glaube, frau kann der meist weniger diversen Landbevölkerung keinen Vorwurf daraus machen, dass ihr Datingpool -noch- nicht so durchmischt ist.

Mehr Diversität bitte

Sehr gut fand ich die Kritik der Autorin am Othering [Abweichung der Norm], dass sie sich als Schwarze in Kinderbüchern oder der deutschen Medienlandschaft nicht repräsentiert sah und sieht. Das wird zwar langsam besser, ist aber immer noch etwas, wo absoluter Aufholbedarf herrscht. Nicht nur mehr Hautfarben, auch weniger „Normkörper“ was deren Funktionalität und Schönheit betrifft, sind hier das Ziel, das unsere Gesellschaft tatsächlich widerspiegelt. Denn die, die unsichtbar sind (Frauen*, Schwarze, Menschen mit Behinderung) werden nicht gehört, nicht gesehen, übersehen. Alice Hasters kritisiert außerdem, dass sich weiße Vorherrschaft und das Patriarchat mit Händen und Füßen wehren, uns aber die Zeit wegrennt, immer wieder diese Diskussion zu führen – während uns der Klimawandel den Boden unter den Füßen wegzieht #word!

You made it

Du hast bis hier her durchgehalten? Dann hast du schon einen kleinen Vorgeschmack bekommen 😉 Wir erinnern uns: „Sich mit Rassismus auseinanderzusetzen ist viel Arbeit, teilweise schmerzhaft und braucht Zeit“. Der Prozess lohnt sich aber allemal, weil er uns wachsen lässt – und egal ob wir dabei über uns hinauswachsen oder nur ein kleines bisschen – das ist es wert.  Ich hab von diesem Buch einiges gelernt und für kommende Diskussionen/Lebensmomente mitgenommen & glaube, dir wird es nach dem Lesen ebenso gehen. Zukünftig werde ich meine Aktionen, Worte und Standpunkte noch tiefer hinterfragen und überdenken. Danke dafür, Alice Hasters.

Enden möchte ich solidarisch-schwesterlich im Einklang mit ihrem großartigen Finale. Unser Ziel sollte es vielleicht sein, danach, was wir wichtig finden, unser eigenes Lebenskonstrukt zu schaffen, nach dem wir gerne leben möchten – bis es Realität ist. Wem hören wir zu? Wem geben wir Geld? Womit verbringen wir unsere Zeit?

„Was beachten, was ignorieren wir? Das Verschieben von Aufmerksamkeit, innerlich und äußerlich, ist essenziell im Kampf gegen Rassismus. Das zu verändern ist vor allem eine Aufgabe der Privilegierten – noch.
Bildet Allianzen! Findet einander, findet Geschwister, Freund*innen und Verbündete, welche die anders und ähnlich sind & kümmert euch um einander!“

 

Bücher, die Alice Hasters erwähnt und empfiehlt:

Zadie Smith „Zähne zeigen“

Tupoka Ogette „exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen“