Was bedeutet Frauensolidarität für mich?

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TW: Sexuelle Gewalt

Gute Frage. Solidarität ist so ein großes Wort. Ein so wichtiges Wort. Und doch scheint mir, dass viele Menschen, dessen Bedeutung nicht begreifen. Dass sie nicht verstehen, was es heißt, solidarisch zu sein, und wie wichtig das gerade in unserer aktuellen Zeit ist. Das Motto von The:Sorority ist “Solidarity” – in diesem Sinne habe ich mich damit auseinandergesetzt, was Solidarität, vor allem unter uns Frauen, für mich bedeutet.

Solidarität verstehen & leben

Solidarität bedeutet für mich Zusammenhalt. Schutz. Nächstenliebe. Sich für jemanden einsetzen. Laut zu werden, wenn etwas nicht gerecht ist. Stärke zeigen. Empathisch sein gegenüber der anderen Person und ihrer Situation – auch wenn ich selbst nicht in derselben Situation bin. Oder das gleiche erlebt habe. 

Ich verbinde Solidarität mit etwas durchweg Positiven, Empowernden. Menschen, die sich solidarisch äußern und verhalten, geben mir sehr viel Mut. Es rührt mich, zu sehen, wie Menschen sich für andere einsetzen – besonders wenn ihre Lebensrealitäten stark abweichen. Nicht wegzuschauen und sich lautstark für andere einsetzen ist für mich das einzig Sinnvolle. Ignoranz und Einbahnstraßen-Denken sind für mich komplett unverständlich. Als weiße, privilegierte Frau sehe ich es als meine persönliche Verantwortung, mich für die weniger privilegierten Personengruppen (lautstark) einzusetzen – und erwarte dasselbe Verhalten mir gegenüber, sollte ich mich mal in einer benachteiligten Position befinden. Ungerechtigkeit zu benennen, baut öffentlichen Druck auf und kann zu einer Verbesserung der Lebensumstände für uns alle führen.

Diese mitfühlende Solidarität vermisse ich gerade im öffentlichen Diskurs unter uns Frauen. Obwohl ich eine deutliche Positionierung und Verbesserung der Solidaritätsbekundungen unter Frauen im Vergleich zu meiner Jugend wahrnehme, ist mir das alles noch viel zu wenig. Gerade die Öffentlichkeit, das was wir sehen und hören, beeinflusst unsere Meinung und unser Handeln. Schweigen hilft niemals den Unterdrückten und Benachteiligten. Spätestens jetzt, mit dem wachsenden Einfluss rechtsextremer Kräfte sowie steigenden Zahlen der Gewalt gegen Frauen und queeren Personen, ist Solidarität wichtiger denn je. Doch warum schaffen es Frauen oft nicht, anderen Frauen zur Seite zu stehen?

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Frauen & Solidarität

Solidarität unter Frauen ist so eine Sache. Wenige von uns haben echte Frauensolidarität vorgelebt bekommen. Ich zumindest nicht. Ich erinnere mich an viele Geschichten und Märchen in meiner Kindheit, in denen die Bösen häufig die (hässliche) Stiefmutter oder Stiefschwester (oder einfach Frauen) waren. Oder Geschichten, in denen nur eine einzige weibliche Figur vorkommt – inmitten von vielen männlichen Charakteren. Und diese eine Frau hatte oft auch keinen interessanten Charakter, sonder war einfach “nur” schön.

Ich erinnere mich, wie ich schon von klein auf gehört habe, dass Mädchen “zickig” und “anstrengend” sind. Dass man Frauen ja nicht trauen kann. Dass sie oberflächlich und einfach weniger schlau sind als Männer. Das hat sich in meiner Jugend nicht geändert. Ich las Zeitschriften, in denen das Aussehen von Frauen verglichen wurde. Ich schaute Filme, in denen es “Zickenkrieg” gab. Ich habe so gut wie keine Frauen in meinem Umfeld gehabt, die etwas anderes gemacht haben, als Heiraten und Kinderkriegen. Die allein in ihrer Situation waren, ohne echte Freundschaften, und wenig Raum einnahmen.

Und trotz dieser nicht-vorhandenen Vorbilder haben sich starke Frauenfreundschaften seit dem Kindergarten durch mein Leben gezogen. Es sind genau diese Freundschaften, an die ich mich am lebendigsten erinnere. Die mir Stärke und Halt gegeben haben, sowie ganz viel Freude. Wenn es um meine Freundinnen geht, habe ich einfach ein Urvertrauen in ihre Unterstützung, von dem ich nicht weiß, wo es herkommt. Ich weiß, ich kann mich immer auf sie verlassen, egal was kommt. Dieses Gefühl hatte ich bei Männern eher selten. 

Woran liegt das? Warum haben wir solche qualitativen, verbindenden Frauenfreundschaften und gleichzeitig so wenig gelebte Solidarität im Alltag, vor allem der Öffentlichkeit? 

Uns fehlen Vorbilder, ja. Wir wachsen im Patriarchat auf, welches Angst vor Verbindungen von Frauen hat. Weil wir zusammen stark sind. Deshalb treibt es uns seit klein auf auseinander und setzt Gerüchte wie “Stutenbissigkeit” in die Welt, um uns skeptisch zu machen. Das ist jetzt die Kurzfassung, aber der Kern ist wahr. Dabei ist Zusammenhalt unter Frauen doch so etwas Schönes. Begegnungen mit anderen Frauen ist heilend, weil wir uns nicht erklären müssen. Weil wir einander genau verstehen. Es ist eine ganz besondere Art der Liebe und Stärke, die mit der Zeit wächst und wundervolles kreiert. Wie zum Beispiel dieses tolle Netzwerk.

Eine Sache kann ich bei der ganzen Thematik allerdings nicht verstehen. Nämlich, wie Frauen andere Frauen bei Dingen im Stich lassen, die uns selbst passieren können (wenn es nicht schon passiert ist). Es geht um sexuelle Gewalt. Anhand der aktuellen öffentlichen Fälle zu Collien Fernandez oder Giselle Pelicot, wissen wir alle, wie mit Frauen umgegangen wird, die ihre Erfahrungen teilen und sich wehren. Wie Männer reagieren, wundert mich nicht. Die Reaktion vieler Frauen jedoch schon. Und es geht gar nicht um diese speziellen Fälle, denn Fälle gibt es genug – sowohl öffentliche als auch private. Aber ich sehe immer noch so viele Frauen, die anderen Frauen nicht glauben, oder die Thematik derart herunterspielen, als ob sexuelle Gewalt nie passieren würde. Dabei hatte JEDE Frau schon eine schlechte Erfahrung mit einem Mann. Das muss natürlich nicht gleich Missbrauch sein – aber der Scheiß fängt ja schon 10 Schritte vorher an. Sexistische Kommentare, Catcalling oder Anstarren sind schon Grenzüberschritte, auch wenn manche es vielleicht nicht so wahrnehmen, da es zum Alltag jeder Frau dazu gehört. Sexuelle Gewalt nicht zu erleben, ist letztendlich Glück. Sexuelle Gewalt zu erleben, ist daher kein Zufall. Es ist systematisch. Und ja, es gibt Falschaussagen. Natürlich. Aber die Anzahl der Falschaussagen beläuft sich laut dem bff Frauen gegen Gewalt auf circa 3 %, während circa 91% aller Sexualstraftäter nie verurteilt werden. Letzteres ist die Zahl, auf die wir uns fokussieren müssen. Und anhand der traurigen Statistiken, die es zu diesem Thema gibt, ist meine Meinung im Zweifel lieber einer Lügnerin zu glauben als einem Vergewaltiger.

In Pelicots Worten, “Die Scham muss die Seite wechseln”. Und es fängt damit an, einander zuzuhören und zu glauben. Und nicht nur die Scham muss die Seite wechseln, die Angst auch. Männer fürchten aktuell keine Verurteilungen, weil sie kaum passieren. Das ändert sich, je mehr Frauen (und auch Männer) zusammenhalten und sich lautstark füreinander einsetzen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass diese Solidaritätsbekundungen letztendlich auch was ändern werden. 

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Gleichberechtigung durch Solidarität

Gleichberechtigung ist ein langer Kampf, aber er passiert nicht ohne Solidarität. Sie ist notwendig, um das Ziel zu erreichen. Dazu gehört es, anderen Frauen zu glauben und zu unterstützen. Und zwar nicht nur Frauen gegenüber, die aussehen wie ich, sondern jeder Frau, egal welcher Kultur oder Hautfarbe sie angehört. Egal ob sie mehr oder weniger Privilegien besitzt als ich. Keine Frau ist wirklich frei, solange eine andere Frau unfrei ist.

Ich möchte in einer Welt leben, in der wir aufeinander achten. Uns zusammenschließen, gegen Ungerechtigkeiten. Und diese Ungerechtigkeiten laut benennen. Diese Einstellung hat mich letztendlich zu The:Sorority gebracht. Für mich ist es ein Ort, an dem wahre Solidarität gelebt wird, an dem sich Frauen mit den verschiedensten Hintergründen verbinden und gemeinsam etwas Großes schaffen. Also komm vorbei zu unserem nächsten Meet Up und werde Teil von uns! Lass uns gemeinsam und solidarisch für eine gerechte Welt kämpfen, in der Solidarität keine Ausnahme, sondern die Regel ist.

geschrieben von Kerstin Kraus