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Buchrezension: Come As You Are – eine Sexratgeberin der anderen Art

Buchcover von Come As You Are von Emily Nagoski

Buchcover von Come As You Are von Emily Nagoski

Emily Nagoski, Ph.D: Come as you are. The Surprising New Science That Will Transform Your Sex Life. Simon + Schuster, 2015. 416 Seiten.

Deutsch: Emily Nagoski: Komm, wie du willst: Das neue Frauen-Sex-Buch. Knaur TB, 2017

“Eine lebensverändernde Lektüre!”, dieses Versprechen schreien uns Buchcover von Ratgeberliteratur fast schon entgegen. Die englischsprachige Ausgabe von “Come as you are” verspricht demnach, zwischen ihren Buchdeckeln “Surprising New Science That Will Transform Your Sex Life” zu hüten. Die deutsche Übersetzung lockt mit dem Titel “Komm wie du willst”. Beides missverständlich, findet Rezensentin Lene Kieberl. Denn: das wirklich Überraschende, Neue und “Empowernde” an diesem Buch sind nicht die üblichen Abkürzungen auf dem Weg zum Ziel. Die Kniffe und Tricks, mit denen unseren Körpern intensivere oder häufigere Orgasmen entlockt werden sollen. (Obwohl es auch die gibt – Multiple Choice Test und Masturbationsanleitung im Anhang inklusive!)

Erfrischend anders ist an diesem Buch vor allem die klare Benennung der Tatsache, dass unser Fokus der falsche ist. 

Wir kochen unser sexy Süppchen mit den falschen Zutaten und auf kaputten, alten Herdplatten! Auf der Jagd nach dem perfekten Orgasmus (natürlich “rein vaginal” bei der heterosexuellen Penetration, ohne dass jemand Hand anlegen muss!) kommt vielen tatsächlich die Lust abhanden. Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit und Abweichungen von der konstruierten Norm, so Nagoski, sind an der Tagesordnung.

“Is something wrong with me?” – Answer: Nope. 

Eine treffende Zwischenüberschrift und eine der Haupt-Messages dieses Buches. Der Fehler liegt schließlich nicht in uns selbst: Gerade Frauen* haben über viele Jahrzehnte männlich dominierter Gesellschaft und Wissenschaft völlig unzureichende bis hin zu schädliche Informationen über die weibliche Anatomie erhalten. Ebenso steht es um psychosoziale Komponenten ihrer Sexualität. Sie haben ihren Sex diesem “male gaze” angepasst. 

Ein ganzes, sehr wichtiges Kapitel beschäftigt sich folgerichtig auch in der Tiefe damit, warum derart viele Frauen* sich ihrer Körper und ihrer Sexualität entfremdet fühlen. Sowohl das Aussehen, als auch die Reaktionen ihrer Körper erscheinen vielen Frauen* als mangelhaft. Selten spontanes Lustaufkommen? Langes Vorspiel nötig, um in die Gänge zu kommen? Schmerzen beim Sex? Dann kann doch etwas mit DIR nicht stimmen. Oder? Selbstverständlich nicht nur, aber besonders Frauen* glauben genau das.

Da kann es einer* schon vergehen…

 Nagoski zeigt eindrücklich den im wahrsten Sinne abtörnenden Einfluss alldessen auf unser Selbstbild und unsere Lustfähigkeit. Sie geht auch auf modernere, subtilere Formen von Bodyshaming ein: z.B. ständige Selbstoptimierungs-Messages an uns alle via Social Media oder veraltete gesellschaftliche Normvorstellungen. 

Frauen* sind Hauptleidtragende einer sehr reduzierenden und allgegenwärtigen Mainstream-Pornoästhetik, die Lust und Begehren mit sehr bestimmten Körpernormen und -formen, -farben und -zuständen verknüpft: jung, glatt, makel- und vor allem: mühe- und reibungslos benutzbar. 

Der (weiße) Mann als “Default” begegnet uns auch heute noch fast überall, beim Thema Sexualität sind die Auswirkungen jedoch besonders tiefgreifend. Nagoski widmet sich daher ausführlich und befreiend Aspekten wie Ekel und Scham, die Frauen* bezüglich ihrer Körper von früher Kindheit vermittelt werden. Zum Beispiel durch das historische Bild einer Mängel-Anatomie (Die Vulva als verkümmerter Penis oder gar Leerstelle, die keine “vaginalen” Orgasmen produzieren will!), oder durch das Verteufeln diverser “unreiner” Ausflüsse aus den weiblichen Geschlechtsorganen.

Ihr Buch schenkt also Seufzer der Erleichterung, bevor sie sich um jene der Erregung kümmert. Statt auszubreiten, wie wir hyperorgasmisch werden können, deckt sie auf: Die meisten von uns wollen vor allem eines, nämlich die Bestätigung, in ihrer Anatomie, ihrem Empfinden und ihrem Begehren “normal” zu sein. 

Begehren = Erregung im Kontext. (Und kein Trieb!)

Nagoski arbeitet wunderbar heraus, wie absolut dehnbar der Begriff “normal” ist, sowohl was Anatomie, als auch was unser Begehren angeht. Will heißen: wann, wie (oft) und wodurch es ausgelöst wird. Ein besonderes Aha-Erlebnis dabei: die Erkenntnis, dass weder spontan auftretendes (=coft als männlich* gesehenes), noch responsives (= gesellschaftlich oft weiblich* konnotiertes) Begehren als Norm für sich stehen können. Ein Großteil aller Menschen begehrt trotz gesellschaftlicher Stereotype weder klar spontan “einfach so”, oder nur responsiv: wir begehren “kontext-sensibel” (context-sensitive). 

Turning on the ons, turning off the offs

Begehren kommt dual zustande: durch – idealerweise – ein Vorhandensein von Beschleunigern (also sexuell relevant gedeutete Anreize, passender Kontext) und ein Fehlen von Bremsfaktoren (z.B. Stress, negative Selbstwahrnehmung, falscher Kontext). Das heißt: Sexuell relevante Reize führen entsprechend der Sensibilität unserer Bremsen bzw. Beschleuniger unterschiedlich schnell, bzw. nur bei passendem Kontext auch zu Sex und Lust darauf. Logisch: Mit angezogener Handbremse beschleunigt der schönste Maserati nicht wie gewünscht.

Welche Reize das sind, und wie unsere innere Regulierung aussieht, ist dabei sehr individuell und wird sehr früh durch komplexe Erfahrungszusammenhänge ausgebildet. Warum es den vielbeschworenen Sexualtrieb nicht gibt und was das alles mit Ratten und Iggy Pop zu tun hat, könnt ihr bei Nagoski nachlesen. 😉

Sie arbeitet in “Come As You Are” die unterschiedlichen Arten des Begehrens auch hinsichtlich Geschlecht auf, tappt dabei aber nicht in die Falle, differenzierenden Biologismen und vor allem Wertungen zu großen Raum zu geben. Vielmehr geht sie auf wichtige physiologische und neurologische Prozesse detailliert und gleichzeitig sehr unterhaltsam ein. Nicht zuletzt gibt Nagoski anhand von Fallbeispielen konkrete Anregungen, wie wir statt an uns selbst lieber an unseren Kontexten schrauben sollten: Und das alleine, wie auch gemeinsam mit unseren Partner*innen.

Sexual Healing? Sexual Gardening!

Vielleicht in Anlehnung an Nancy Fridays “Secret Garden” lädt uns das Buch dazu ein, uns die eigene Sexualität als Garten vorzustellen. Sehr früh und ohne unsere Mitbestimmung durch familiäre Bezugspersonen und Gesellschaft bepflanzt; vielleicht Hanglage oder Sumpflandschaft? Jedenfalls oft mit den absolut falschen Pflänzchen für unsere individuellen Gegebenheiten. Dazu kommt ein gesellschaftliches Klima, das sie hegen sollte, meist aber eher kränkeln und überwuchern lässt. Für die große Zahl sexuell traumatisierter Frauen* fühlt es sich vielleicht sogar nach Brandrodung an…

Daher: dringend Unkraut jäten!

Um den vorhandenen Grund trotz allem optimal nutzen zu können, sollte jede Frau* also dringend einmal gründlich jäten oder ganz umstechen: raus mit gesellschaftlichem Unkraut und Vorstellungen, die wie Schädlinge unter der Erdoberfläche hausen und unser Wachstum schwächen! Dazu bietet sie verschiedenste Werkzeuge an. Experimentieren erlaubt, und wer weiß, welche exotischen Pflanzen bei richtiger Behandlung Fuß fassen könnten?

Fazit: Lene Kieberl würde der deutschen Ausgabe gerne einen neuen Titel verpassen: Wie wäre es mit: “Sex ohne Sportgedanken: Schraub an deinem Kontext, nicht an dir”. Zugegeben, kein marketing-tauglicher Bestseller-Titel, aber etwas näher an der Aussage des Buchs.