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Elisabeth Wehling: “Sprache wirkt sich auf unser Handeln aus”

Wer ein Ende von Ausgrenzung will, sollte auf gleichberechtigte Sprache achten, sagt Elisabeth Wehling, Neurolinguistin an der Universität Berkeley (USA). Sandra Nigischer hat mit ihr darüber gesprochen, warum Sprachpolitik auch Geschlechterpolitik ist.

Elisabeth Wehling Sprachwissenschaft

Wie beeinflussen geschlechtliche Markierungen in der Sprache unser Denken?

Geschlecht und Gender spielen eine wahnsinnig wichtige Rolle in der Sprache. Im Deutschen wie auch im Spanischen etwa gibt es grammatikalische Geschlechterzuweisungen. Man hat eine Studie gemacht und geschaut, wie sich diese sprachliche Erfahrung von Geschlecht auf die Wahrnehmung von Menschen auswirkt. Im Deutschen ist das Konzept ‚die Brücke‘ weiblich, im Spanischen ist ‚el puente‘ aber männlich. Im Experiment hat man zwei Gruppen von Muttersprachlern, Deutsche und Spanier, gebeten, ‚Brücke‘ zu beschreiben. Während die Spanier die Brücke als groß, stark und gefährlich beschrieben haben, war die Brücke für die Deutschen eher zart, schön und verbindend. Das heißt, wie wir Geschlecht in der Sprache nutzen, hat immense Auswirkungen auf unser Denken. Aber auch auf unser Sozialverhalten, unser Handeln.
Zu letzterem ein Beispiel: In einer Langzeitstudie hat man sich auf Wirbelstürme mit weiblichen und männlichen Namen konzentriert und sich angesehen, wie schnell Bewohner Katastrophengebiete evakuieren: Tatsächlich wurde bei Wirbelstürmen mit weiblichen Namen später evakuiert, weil die Menschen offenbar weniger Angst hatten. Die Folge waren mehr Todesopfer. Das zeigt, wie Sprache unser Verhalten bis hin zur Frage um Leben und Tod prägt. Im konkreten Fall wurden weiblich benannte Wirbelstürme als weniger kräftig eingestuft, die mit männlichen Namen als kräftiger, also gefährlicher.

Was steckt dahinter, wenn Menschen gegen Schreibweisen wie die des Binnen-Is protestieren, mit dem Argument, sie würden die Sprache nur verkomplizieren oder optisch verstümmeln. Andere sagen: Jahrzehntelange Diskussionen über gendergerechte Sprache hätten uns jetzt auch keine Gleichberechtigung gebracht. Sie sei also wirkungslos.

Wir wissen aus der Kognitionsforschung definitiv, dass Sprache, die marginalisiert, sich auf unsere Wahrnehmung wie auch auf unser Handeln auswirkt. Wenn wir ein Ende von Marginalisierung oder auch von Gewalt gegen Frauen wollten, dann müssten wir so sprechen, dass Frauen in der Sprache gleichberechtigt sind.
Es werden immer Argumente gefunden werden, weswegen marginalisierte Gruppen nicht zum Zug kommen sollen. Dass gendergerechte Sprache zu kompliziert sei, ist natürlich kein wertfreies Argument, es entstammt einer bestimmten Ideologie. Da gibt es dann etwa den Konsens, dass es biologische Unterschiede zwischen Menschen gebe, natürliche Grundlagen dafür, wer es in einer Gesellschaft nach oben schafft und wer nicht. Männer würden nun einmal über Frauen stehen, Weiße über Nichtweißen, Reiche über Armen. Innerhalb dieser Weltsicht ist es völlig in Ordnung, wenn Menschen nicht gleichberechtigt und gleich in ihrer Würde sind – oder wenn etwa Frauen nur gleichberechtigt sind, wenn sie sich diesen Status selbst erkämpft haben. Dahinter steht gemäß dem Sozialdarwinismus der Grundsatz ‚swim or sink‘: Frauen selbst für ihre Rechte kämpfen zu lassen macht sie stärker. Ihnen Dinge zu geben, die sie vermeintlich nicht aus eigener Kraft verdient haben, schwächt sie. Für Menschen mit dieser Weltanschauung, die in der Forschung „strenge“ Ideologie genannt wird, ist es in einer ‚guten Gesellschaft‘ im Übrigen in der Regel so, dass der Mann die Frau beschützt und kontrolliert, aus Liebe und nicht aus Frauenhass. Der „strengen“ Weltanschauung nach ist dies das Beste für die Frau und den Mann. Das ist ein weit verbreitetes Weltbild, das nicht jeder teilt. Aber es existiert.
Was oft übersehen wird: Es gibt auch sexistische Frauen, genauso wie es feministische Männer gibt.

Oft wird auch argumentiert, das sprachliche Gendern sei übertriebene ‚Political Correctness‘, ein Sprachdiktat, das einem die ‚Gutmenschen‘ aufdrücken wollen, um einem das Leben schwer zu machen.

Die Weltsicht, die der politischen Korrektheit zu Grunde liegt, nennt die Ideologieforschung die „fürsorgliche“ Ideologie. Nach ihr sind alle Menschen gleich viel wert und verdienen gleichermaßen Schutz und Befähigung durch das Kollektiv. Dazu gehört, marginalisierte Gruppen in besonderem Maße zu schützen und zu befähigen. Politische Korrektheit meint gewaltfreies Sprechen, aber auch Handeln. Das heißt, wir sollten Menschen nicht über Sprache oder Handeln psychologisch oder physisch schaden und sozio-ökonomisch ausgrenzen. Nicht zuletzt steht hinter dem sprachlichen Aspekt der politischen Korrektheit das Bewusstsein darüber, dass Worte oft Handlungen bedingen – etwa wenn nach Hetze gegen Menschen auf der Flucht schließlich ein Flüchtlingsheim brennt oder wenn der sprachlichen Gewalt an Frauen die tatsächliche Gewalt an Frauen folgt.

Also auch aus wissenschaftlicher Sicht steht fest: Verletzende Sprache senkt die Hemmschwelle für Gewalt.

Ganz genau. Das Problem ist, dass die Idee der politischen Korrektheit zwar aus einer fürsorglichen Weltsicht kommt, aber das Label ‚Political Correctness‘ aus einem konservativen Think Tank stammt und die Idee gedanklich abwertet. ‚Korrekt‘ zu sein hat etwas Dogmatisches. Wir unterscheiden: Das hier ist korrekt, das ist nicht korrekt. Der Zusatz ‚politisch‘ macht die Sache nicht besser: nicht ein „menschlich korrektes Miteinander“, sondern eben eines, das von der Politik diktiert wird. Wir sehen Menschen vor uns, die als Politiker urteilen, wer korrekt ist und wer nicht. Schade ist, dass sich progressive politische Kräfte selbst auf dieses Wording eingelassen und es weiter verbreitet haben. Was ihnen jetzt auch ordentlich um die Ohren fliegt, denn der Kampf gegen die politische Korrektheit ist zumindest linguistisch schon gewonnen.

Wenn wir von Ärzten sprechen und ‚mitgemeinte‘ Ärztinnen sprachlich ausklammern, denken wir dann reflexartig an Männer?

Absolut. Wir sollten auch aufhören, Flüchtling zu sagen. Flüchtling ist in der deutschen Grammatik männlich. Man kann nicht sagen: ‚die Flüchtlingin‘. Besser wäre es, von Geflüchteten zu sprechen, das lässt gedanklich beide Geschlechter zu – die Geflüchtete und der Geflüchtete. Doch wir haben uns darauf eingelassen, dass der gesamte deutsche Sprachraum für schutzsuchende Männer, Frauen und Kinder primär einen männlich kodierten Begriff verwendet. Wenn wir etwa von Flüchtlingen im Nachbarort sprechen, assoziieren wir zunächst ganz unbewusst Männer. Das geht dann gedanklich wunderbar Hand in Hand mit der Stereotypisierung männlicher Schutzsuchender als gefährlich und sexuell aggressiv.
Übrigens ist der Flüchtlingsbegriff nicht zuletzt auch eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit: Frauen und Kinder machen in der Regel – ich generalisiere – auf der Flucht noch einmal anderes durch als Männer, inklusive sexueller Gewalt und Ausbeutung. Es wäre durchaus wichtig, sie sprachlich als Teil der Schutzsuchenden sichtbar zu machen.

Gerade Medien konstruieren und verfestigen Geschlechterbilder. Im Printjournalismus kostet es aber wertvollen Platz, durchwegs von ‚Österreicherinnen und Österreichern‘ zu sprechen, im Radio oder Fernsehen Sendezeit. Das Binnen-I geht in manchen Printredaktionen gerade noch als akzeptabel durch, markiert aber letztlich auch nur eine Zweigeschlechtlichkeit. Haben Sie eine Lösung?

Das ist eine schwere Frage, denn wir kommen aus einer Sprache, in der wir das Geschlecht haben. Das Binnen-I mag beim Lesen ungewohnt sein, ist aber sicher am platzsparendsten. Auch ich gendere übrigens nicht immer, aus Platzgründen oder weil ich es schlichtweg vergesse. Im Englischen, meiner Alltags- und Arbeitssprache, stellt sich diese Frage nämlich nicht, es gibt kein grammatikalisch enkodiertes Geschlecht. Im Radio oder TV könnte man beim Geschlecht switchen, also von den Ärztinnen und den Handwerkern sprechen, oder einen Gap durch eine kurze Pause markieren bei Handwerker_innen. Das mag anfangs ungewohnt sein, aber wenn wir uns die historische Linguistik anschauen, zeigt sich: Sprache ändert sich ständig! Jetzt kommt uns alles ganz neu vor. Für unsere Enkelkinder wird gendergerechte Sprache vielleicht völlig normal sein. Sie werden womöglich nicht mehr anders sprechen und denken. Aber, Fazit: Die Veränderung ist nicht leicht, und es gibt sicher nicht die eine leichteste oder eleganteste Lösung.

An der Fachhochschule des BFI Wien werden Arbeiten, die nicht gendergerecht formuliert wurden, nicht beurteilt. Die erste öffentliche Reaktion: Empörung. An vielen Unis gibt es Empfehlungen, die Arbeiten gendergerecht zu formulieren. Halten Sie Empfehlungen oder Vorschriften für sinnvoller?

Ich denke, genauso wie der Staat regelnd eingreift, wenn es um Umwelt- oder Verbraucherschutz geht, haben die Autoritäten unseres Kollektivs beim Thema Frauenschutz eine besondere Verantwortung. Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass die Leute von selbst drauf kommen. Denn bisher sind sie auch nicht von selbst drauf gekommen. Beim Umweltschutz gibt es Richtlinien, wie viel Gift die Industrie pro Jahr in eine Luft abführen darf, die wir alle atmen. Der Verbraucherschutz regelt, wie viele gesundheitsgefährdende Stoffe man Verbrauchern zugunsten wirtschaftlichen Profits zumuten darf. Nun, Frauenschutz ist ein riesen Thema, über das aber nicht gerne gesprochen wird. Solange wir eine Kultur pflegen, die sexistisch ist und das Thema zugleich totschweigt, ist es wohl sinnvoll, klare Vorgaben zu machen und Grenzen zu setzen. Klare Kante.

Das Interview fand am Rande des Talks „Sprache als politisches Instrument“ von „EGA: Frauen im Zentrum“ statt.

Sandra Nigischer auf Twitter

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