Hero:ine of the Month: Yayoi Kusama

Ein Wort zur Einordnung: In ihrer 2003 erschienenen Autobiografie beschrieb Yayoi Kusama Schwarze Menschen mit  abwertender Sprache. Als die Passagen 2023 erneut Aufmerksamkeit erhielten, entschuldigte sich Kusama öffentlich für die verletzenden Formulierungen. Sie betonte, dass ihre Kunst stets für Respekt und Menschlichkeit gestanden habe.

„Polka dots can’t stay alone. When we obliterate nature and our bodies with polka dots we become part of the unity of our environments.“ 

© Photography by Kristen de La Valliere, Yayoi Kusama Yellow Pumpkin

Spiegel. Farben. Figuren. Und vor allem Polka Dots. Yaoyoi Kusamas Stil war konsequent einzigartig; kaum eine Künstlerin hat eine Form und ein Muster so zu ihrem Markenzeichen gemacht. Die Japanerin mit dem roten Bob malte Kunstgeschichte. Im August 2026 ist sie nun im Alter von 97 Jahren gestorben. Sie hinterlässt eine atemberaubende Auswahl an Kunstwerken und Figuren mit ihrer unverwechselbaren Handschrift, die einen der wesentlichen Grundsteine für die Gründung der Pop Art in den 1960er Jahren setzte. Kusama sorgte für Aufsehen; immer wieder wurde versucht, ihren neuen, frischen, bunten Stil – natürlich auch von bekannten männlichen Künstlern dieser Epoche – zu kopieren. Kusama ließ sich jedoch nicht übermalen; sie setzte sich mit ihren unvergleichbaren Ideen letzten Endes immer durch und bleibt als eine unverwechselbare Ikone in Erinnerung. 

  

Yayoi Kusama wird 1929 in Matsumoto, Japan, geboren. Ihre Kindheit ist geprägt von dem wohlhabenden, aber gewalttätigen Haushalt, in dem sie aufwächst. Im Alter von zehn Jahren entwickelt sie Halluzinationen. Früh muss sie Traumatisches erleben: Ihre Mutter zwingt sie, den Vater durch das Schlüsselloch bei seinen Affären zu beobachten. Durch ihre frühkindlichen Erfahrungen entwickelt das junge Mädchen eine Angst vor Sex, die sie neben ihren Halluzinationen später als Inspiration für den unverwechselbaren Stil ihrer Kunstwerke angibt.   

© YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts, Victoria Miro

„Ich sah auf das rote Muster der Tischdecke und als ich aufblicke, bedeckte dasselbe rote Muster die Decke, die Fenster und die Wände, und schließlich den ganzen Raum, meinen Körper und das Universum.”

Wiederholend tauchen in ihren Werken Phallusse auf. Diese führt die Künstlerin auf die traumatischen Kindheitserfahrungen zurück, die sie durch die Beobachtungen des Vaters erleben musste. 

1963 stellt sie in ihrer ersten Ausstellung “Aggregation: One Thousand Boats” in New York ein Ruderboot aus, ausgekleidet mit phallusförmigen Objekten. Eine Fotografie der Soft Sculpture ziert 999 mal die Tapete, die den Hintergrund des Kunstwerks bildet.

Zur Eröffnung empfängt Kusama auch prominente Gäste, unter ihnen Andy Warhol. Dieser gratuliert der Künstlerin mit Anerkennung zu ihrem Werk. Besonders bewundernswert findet er die Tapete der 999 mit Phallussen ausgekleideten Ruderboote.

Nur knapp drei Jahre später debütiert Warhol eines seiner bekanntesten Werke, “Cow Wallpaper”. Auf der Tapete wird das Porträt einer Kuh hunderte Male repliziert. Die Ähnlichkeit zu Kusamas Werk ist nicht zu übersehen, worauf das New Yorker Museum of Modern Art auch prompt aufmerksam macht und klarstellt: “Aggregation: One Thousand Boats” ist drei Jahre vor Warhols beliebten Werk entstanden. Bei dieser einen Nachahmung sollte es nicht bleiben: Im Fortlauf ihrer Karriere werden weitere Ideen Kusamas von ihren männlichen Kollegen Oldenburg und Samaras kopiert, die für ihre mangelnde eigene Schöpfungskraft mit  Sichtbarkeit, Reichtum und Erfolg belohnt werden.

Der Grund für den einschlagenden Erfolg der Männer scheint klar: Die Kunst- und Kritikerszene der 1960er Jahre war stark männerdominiert und fast ausschließlich weiß.

Aber anders als viele ihrer männlichen Kollegen hat Yayoi eins geschafft: Sie blieb sichtbar; wie ihre vervielfältigten Punkte  verbreitete sich ihr eigenes Porträt über weite Teile unserer Kultur und Gesellschaft. 


In ihrer Autobiographie schreibt sie: 

“Bring on Picasso, bring on Matisse! Bring on anybody! I would stand up to them all with a single polka dot. That was the way I saw it. I was betting everything on this and raising my revolutionary banner against all of history.”  

Bemerkenswert an Kusamas Karriere ist ein Detail ihrer frühen Entwicklung: Denn bevor aus Kusama eine Ikone wurde, brauchte es jemanden, der an sie glaubte, als sie selbst noch keine Sichtbarkeit besaß. Ein Schritt, der ihr zum Erfolg verhalf, war ihre Beziehung zu Georgia O’Keeffe, eine der bekanntesten amerikanischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Während ihres Studiums war Kusama oft von Selbstzweifeln und Unsicherheiten geplagt. 1955 wandte sich die Japanerin in einem Brief, dem Aquarelle beigelegt waren, an die Amerikanerin.

Sehr überrascht war sie, als sie wenige Wochen später eine Antwort der New Yorkerin erhielt: 

“She had been kind enough to respond to the sudden outburst of a lowly Japanese girl she’d never met or heard of before. And this was only the first of many encouraging letters she was to send me.”

Es entstand eine Brieffreundschaft zwischen den beiden Künstlerinnen. O´Keeffe ermutigte Kusama nach New York zu ziehen und der Welt ihre Kunst zu zeigen. Die Amerikanerin bot an, die beigelegten Aquarelle an einen Kunsthändler zu schicken, um sie zu verkaufen.

Dass die Pionierin antwortete, war wohl weniger überraschend, als Kusama zunächst annahm. Neben ihrer Begeisterung für japanische Kunst arbeitete O’Keeffe bereits jahrelang daran, eine von Männern dominierte Kunstbranche zu durchbrechen. Deshalb war es für sie nur logisch, eine aufstrebende, weibliche Künstlerin zu unterstützen.

Kusama erzählt später in einem Interview mit Tate, dass sie ohne die Unterstützung O’Keeffe’s wohl niemals den Schritt gewagt hätte, nach New York zu gehen. 

„Polka dots can’t stay alone”, so beschrieb Kusama gerne ihre Kunst: Ein einzelner Punkt bleibe bedeutungslos. Erst im Zusammenspiel mit unzähligen anderen entstehe das unendliche Muster – für das Kusama bis heute bekannt ist. Und wie ihre Kunst nur im Zusammenspiel wirkt, so entstand auch ihre Wirkung in einem Zusammenspiel mit anderen Künstlerinnen. Ohne O’Keeffe hätte sich Kusama wohl nicht  zum Umzug  nach New York überwunden. Georgia O´Keeffe war selbst eine Frau, die wusste, wie es ist, sich in einer von Männern dominierten Branche zu behaupten. Sie reichte einer jungen, unbekannten Künstlerin die Hand und nahm sie mit in die amerikanische Kunstszene, die sie später groß machte.

Yayoi Kusama hinterlässt ein nachhallendes Echo, nicht nur in der Kunstgeschichte. Ihr Karrierestart ist ein Beweis dafür, wie weibliche Solidarität zu großem Erfolg führen kann und Frauen gemeinsam männerdominierte Strukturen durchbrechen können.

  

Solidarity, Sister!   

geschrieben von Katharina Lutz

 

Quellen und Informationen: 

 

© Foto:YAYOI KUSAMA, Courtesy: Ota Fine Arts, Victoria Miro & Kristen de La Valliere, Yayoi Kusama Yellow Pumpkin
Yayoi Kusama, Portrait, Tokyo 2013 (Gautier Deblone)

Skulpturelle Arbeit Yellow Pumkin – Say Hi To

BR Frauengeschichte “RIP YAYOI KUSAMA” Instagram

New York Times – Yayoi Kusama Was the Avant-Garde Radical Who Became a Pop Icon