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Freundschaft ist ein demokratischer Kosmos

Am 19. Mai bringen die Sorority und der Kunstraum Niederösterreich die Schweizer Künstlerinnen Ariane Koch und Sarina Scheidegger mit ihrer Performance Rosa und Louise – ein feministisches Manifest in dialogischer Form nach Wien. “Rosa und Louise” untersucht die vernetzte Welt des feministischen Diskurses: Seit 2014 wird der fortlaufend bearbeitete Text in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich von zwei Performerinnen zur Aufführung gebracht und als Poster-Serie im öffentlichen Raum präsentiert. Katharina Brandl hat mit dem Duo über kollaborative Arbeit, Freundinnenschaft und Solidarität unter Frauen gesprochen.

Was seid ihr eigentlich zu einander? Freundinnen, Kolleginnen, Komplizinnen?

Wir sind Freundinnen, Komplizinnen und ein Künstlerinnenduo. Wir verbringen in erster Linie sehr viel Zeit miteinander und so lassen sich diese Bezeichnungen und Begriffe nie ganz voneinander trennen. Die Freundschaft ist Teil vom Duo, die Komplizenschaft findet mit und in der künstlerischen Arbeit statt und ganz viel passiert genau an diesen Schnittstellen, dort wo eigentlich nicht so klar ist, was wir denn gerade sind, welche Rolle wir einnehmen oder in welcher Funktion wir sind. Das andauernde Gespräch zwischen uns bildet die Grundlage für die künstlerische Praxis, dazwischen findet der Austausch über verschiedene Plattformen (SMS, Mail, Textfiles, Skype, etc.) statt, der uns sehr wichtig ist und Teil des Arbeitsprozesses geworden ist.

Kann Freundinnenschaft politisch sein?

Ja! Sich innerhalb einer Freundschaft einander zuzuwenden, sich gegenseitig zu tragen, zu akzeptieren, ernst zu nehmen, eine gemeinsame Sprache zu finden, sind kleine demokratische Kosmen, die gestaltbar, und auch immer Vorbilder und Modelle für größere Zusammenhänge sind. Céline Condorelli hat sich in  ihrem Buch „The Company She Keeps“ in einem Gespräch mit Johan Frederik Hartle folgendermaßen dazu geäußert: „There are, however, also enabling powers to friendship. What is the potential of doing something in friendship? There is the emancipatory dimension to choosing one’s allies, committing to issues and deciding to take them on, which can be a force that propels us forward. I think there is a collective aspect to this empowerment, which is the congruence between friendship and solidarity: the knowledge of engaging in a common project, of contributing to building the world, which is also how friendship leads to politics. This of course is also a drive to self-organisation.“

Freundschaft und Solidarität als Nukleus des Politischen zu denken, hat natürlich seinen Reiz. Aber was passiert, wenn der Faktor Arbeit, wenn persönliche Wertschöpfung und letztlich das persönliche Überleben hinzukommen? Ihr arbeitet bereits länger als Künstlerinnenduo zusammen, aber auch abseits davon. Habt ihr irgendwann überlegt, euch einen gemeinsamen kollektiven Namen zu geben oder war euch die Form “Name und Name” wichtig? Der Hintergrund meiner Frage ist die Idee der „Reputationsökonomie“: Der Kunstsoziologe Ulf Wuggenig hat diesen Begriff umrissen, um auf die Wichtigkeit des Namens (von Künstler*innen, Kurator*innen) im Kunstfeld hinzuweisen. Die Wertschöpfung der eigenen Arbeit sei stark mit der Sichtbarkeit des eigenen Namens verbunden.

Am Anfang unserer Zusammenarbeit gab es die Diskussion über einen Kollektivnamen oder ein Pseudonym. Wir fanden es schlussendlich interessanter uns mit der Sichtbarkeit der eigenen Namen auseinanderzusetzen. Wer ist beteiligt? Welche Namen tauchen wo auf? In welcher Funktion? Wie kann ein kollektiver Prozess sichtbar gemacht werden? Ist das Verschwinden der Namen dafür notwendig – oder gerade nicht? Natürlich steht das „und“ für ein gemeinsames Handeln. Wir verweisen damit auf eine bestimmte Tradition des Künstlerduos, wollen den Begriff aber dennoch erweitern: Wir nennen grundsätzlich alle am Werk Beteiligten und versuchen damit vehement darauf hinzuweisen, dass wir nie alleine arbeiten. Außerdem verschwinden wir beide, sobald es zur Performance kommt, auch irgendwie von der Bildfläche, unsere Texte werden von Freunden, Laien und professionellen Schauspieler*innen aufgeführt.  Für uns ist das auch ein Zurücktreten und Abgeben, ein Moment der Erweiterung der Autorenschaft.

Bei „Rosa und Louise“ arbeitet ihr mit Performer*innen, aber auch mit dem Siebdrucker, der die Plakate macht und dem Grafiker, der das Layout für diese gestaltet. Wie macht ihr diese geteilte Autor*innenschaft sichtbar, damit am Ende übrig bleibt, dass die Personen nicht für euch, sondern mit euch gearbeitet haben?

Alle Beteiligten werden unter ihrer primären Funktion aufgelistet. Dadurch ergibt sich automatisch eine Konfrontation, wie mit Autorenschaft umgegangen werden kann. Natürlich ist es hier auch eine Herausforderung, Hierarchien zu unterwandern: Wie werden Funktionen benannt, wie sieht diese Liste aus, wer steht am Anfang? Aber wir erhoffen uns durch diese Form viel mehr Transparenz, wer wie und wo mitgearbeitet hat. Da knüpfen wir an der Frage an, inwiefern es wichtig ist zu wissen, was woher kommt, beziehungsweise aus welcher Position heraus gesprochen wird. Natürlich bedeutet das einerseits die Fortführung einer Art klassischen Rollenaufteilung, andererseits entlastet es oft auch Mitwirker*innen darin, volle Verantwortung für die Arbeit und alle beteiligten Haltungen zu übernehmen. Unsere Arbeit bezeichnen wir auch als „Regie“, die beinhaltet alles was anfällt – vom Schreiben, Inszenieren, Proben bis hin zur Administration. Wir bringen also meistens den Stein ins Rollen und geben den Rahmen vor.

Zusammenarbeit bedeutet auch, sehr netzwerkbasiert zu arbeiten. Können Netzwerke ein Vehikel für gegenseitige Ermächtigung sein, im Unterschied zu einem „ellbogenaffinen Networking“, das der persönlichen Nutzenmaximierung dient?

Unbedingt sind Netzwerke eine Form von „Empowerment“. Wir finden im Gespräch mit anderen und in der erweiterten Zusammenarbeit Energie und Rückhalt. Wir sammeln Kräfte und sind gemeinsam stärker. Mit diesem Schwung lässt es sich auch besser weitervernetzen und mutiger sein. Networking und netzwerkbasiertes Arbeiten kann man natürlich auch aus neoliberaler Perspektive betrachten und das lässt sich in unserer Ökonomie auch nicht mehr wegdenken. Das denken wir zwar mit, aber wir versuchen uns auch davon abzugrenzen. Es geht immer darum, wie man auf das Netzwerk zurückgreift, was man darunter versteht. Die Energie und Stärke kommt zweifelsohne von diesem aktiven Handlungsfeld, das wir mit Freunden und weiteren Akteur_innen immer wieder neu gestalten, formulieren und fortschreiben – und ist deshalb auch ermächtigend.

Worum geht’s bei “Rosa und Louise”?

Ariane bezeichnet unser feministisches Manifest auch gern als unser Steckenpferd. Und Sarina gefällt das. Tatsächlich ist „Rosa und Louise – ein feministisches Manifest in dialogischer Form“ eine Arbeit, die wir seit 2014 stetig in neuen Versionen aufführen. Am Anfang verfassten wir den Dialog im Zusammenhang mit dem Begriff „Damenprogramm“, also als vorgegebenes Freizeitprogramm für beispielsweise „Diplomatengattinnen“. Wir zeigten die Performance in der Ausstellung „Returning To Sender“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Bis heute schreiben wir daran weiter. Ende April zeigten wir Version VIII im Kunstmuseum Solothurn und im Mai nun Version IX im Kunstraum Niederösterreich in Wien. Bei Rosa und Louise geht es um eine Auseinandersetzung mit dem feministischen Diskurs. Es ist als Schwamm für aktuelle, sich transformierende und nicht abklingende Fragestellungen zu verstehen. Wir verknüpfen und befragen Geschichtliches und Gegenwärtiges, Klischees und Besonderheiten, Lenny und Beyoncé, Bell Hooks und Siri Hustvedt, die Repräsentation der Frau in der Kunst, im Internet, in der Öffentlichkeit und im Privaten. Es ist in dem Sinne auch immer eine Aktualisierung unserer Auseinandersetzung, stets von unserer Perspektive ausgehend und dann erweitert auf verschiedene Kontexte – je nach dem, wo das Manifest aufgeführt wird.

Interessant finde ich, dass ihr die bestimmte Geste des Manifests wählt, aber es dann als unabgeschlossen, sich entwickelnd, sich an Kontexte anpassend konzipiert. Manifeste sind oftmals ein Zugriff auf eine emanzipatorische Zukunft, an der man arbeitet – ein Dokument, mit dem man Forderungen proklamiert und Personen bestenfalls affiziert. An welcher Zukunft oder an welcher Gegenwart arbeitet ihr?

Vielleicht an einer gegenwärtigen Zukunft oder an einer zukünftigen Gegenwart? Oder an beidem gleichzeitig. Für uns ist klar, es braucht Rosa und Louise heute, es braucht diesen fortlaufenden Dialog, der Klischees verhandelt, sich dumme Fragen nochmals und nochmals stellt, einen Text, der mal schreit und mal flüstert und manchmal mit einer Melodie daherkommt. Für uns ist Feminismus nicht geklärt, sondern fragmentarisch anzutreffen im Alltag, in der Politik und der Wissenschaft, also sprunghaft, weshalb auch unsere Texte hin und her springen und stetig aktualisiert werden müssen. Die Bezeichnung „Manifest“ ist erstmals eine Behauptung. Das Manifest interessiert uns als Form, ursprünglich als Textform gedacht, die proklamiert, unveränderlich und auch etwas stoisch ist. Wir möchten ein Manifest schreiben, das beweglich, veränderlich und nicht linear ist und sich somit von seiner autoritären Gestalt lösen kann – und somit integrativ ist. Um dies zu verdeutlichen, arbeiten wir mit dem Dialog. Der Dialog ist ein Spiel zwischen Abgrenzung und Aneignung, Streit- und Versöhnungsgespräch, sprich: manchmal gegeneinander und manchmal miteinander. Es macht die feministischen Debatten und Meinungsverschiedenheiten sichtbar, aber verweist auch auf die Gemeinsamkeit unserer Anliegen. Ein Manifest ist aber auch verbunden mit Forderungen, Zielen und Absichten: „Schaut her, das haben wir zu sagen, das hier ist wichtig“. Diese dominante Geste im Zusammenhang mit dem Begriff Feminismus ist für uns nötig.

Als ich Rosa & Louise zum ersten Mal gesehen habe, ist mir aufgefallen, dass der Text sehr viele Fragen ans Publikum beinhaltet. Beispielsweise: „Ist das hier ein Protest, nur weil ich schreie?“. Was interessiert euch an der Frage als Form?

Tatsächlich verstehen wir die Fragen als Angebote in den Text einzusteigen. Mit Fragen lassen sich einerseits in Kürze weite Themenfelder aufreißen, andererseits wird der Ball erst mal wieder an die Zuschauer*innen zurückgeben. Wir wollen keine eindeutigen Antworten reklamieren, sondern viel mehr zu potentiellen, temporären Antworten anstacheln. Lieber temporäre Antworten, als keine Antworten! Die Kritik an bestehenden Verhältnissen ist das eine, der Aufruf zur denkenden Aktion das andere.

Wie stark passt ihr die Arbeit an den Kontext an, in dem ihr sie zeigt? Macht es einen Unterschied, wenn ihr die Arbeit in Berlin zeigt oder eben jetzt in Wien?

Das Manifest kann sich je nach Ort oder Kontext der Aufführung verändern. In Solothurn haben wir uns im Text auf Werke in der Sammlung des Museums, in dem es gezeigt wurde, bezogen oder bei der Aufführung im Haus für elektronische Künste in Basel ging es um Begriffe wir Cyberfeminismus, Frauen im Netz oder Posthumanismus. Jede Version ist eine neue Fassung, die wir manchmal stärker, manchmal nur subtil verändern. Damit unterstreichen wir, dass sich tatsächlich je nach kulturellem, künstlerischen, theoretischen Kontext unterschiedliche Fragen stellen.

Bezeichnet ihr euch als Feministinnen? Was bedeutet für euch Solidarität unter Frauen* beim Arbeiten?

Ja, wir würden uns als Feministinnen bezeichnen oder als feministisch handelndes und denkendes Duo. Solidarität unter Frauen im Arbeitsprozess, aber auch ganz generell im Alltag, im Leben, in anderen Projekten ist uns ein großes Anliegen. Der Kunstkontext ist – wie die meisten Arbeitsumfelder – nicht befreit von Diskriminierung, Sexismus und Konkurrenz. Uns beschäftigt, wie Frauen arbeiten, denken, handeln und eine Sprache dafür finden. Es gibt in Basel ein großes Netzwerk an Frauen, die künstlerisch arbeiten, da können wir glücklicherweise immer auf einen Austausch und Diskurs zurückgreifen, auf Unterstützung zählen und Solidarität bekunden.

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